Ein Schauspieler und ein Theoriemodell beschreiben, was Kunst für das Leben tut, und kommen aus verschiedenen Richtungen am selben Ort an.
„Do you think human creativity matters?“ Glaubst du, dass menschliche Kreativität wichtig ist?
Mit dieser Frage beginnt Ethan Hawke seinen TED-Talk aus dem Jahr 2020. Er beantwortet sie mit keinem Argument. Er erzählt von den Momenten, in denen wir die Antwort selbst kennen.
Die meisten Menschen, sagt er, denken im Alltag wenig über Gedichte nach. Es gibt ein Leben zu leben. Bis der Vater stirbt. Bis wir an einem Grab stehen. Bis ein Kind verloren geht oder jemand uns nicht mehr liebt. Dann suchen wir plötzlich verzweifelt nach einem Sinn in diesem Leben.
Oder es geschieht das Gegenteil. Wir begegnen einem Menschen, und das Herz explodiert. Uns wird schwindelig vor Liebe, wir sehen nicht mehr klar.
In beiden Richtungen verändert sich, was Kunst für uns ist: „art’s not a luxury. It’s actually sustenance.“ Kunst ist kein Luxus. Sie ist Nahrung.
Hawke ist Schauspieler, Autor und Regisseur. Er spricht aus fast vier Jahrzehnten auf Bühnen und vor Kameras, mit keiner Theorie im Rücken. Ich begleite Menschen in ihren Prozessen und arbeite seit Jahren an einem Modell dafür, wie innere Realität entsteht. Wir kommen aus sehr verschiedenen Richtungen. Und wir beschreiben denselben Vorgang.
Darum geht es in diesem Text: um zwei Lesarten eines Phänomens, das zum Menschsein selbst gehört.
Überleben
Was suchen wir eigentlich, wenn das Leben uns überwältigt?
Hawke legt uns die Frage in den Mund, die wir uns dann stellen: „Has anybody ever felt this bad before?“ Hat sich je ein Mensch so schlecht gefühlt? Und im Glück, fast wortgleich: „Did anybody feel like this before?“ Hat sich je jemand so gefühlt?
Wonach wir da fragen, ist bemerkenswert. Wir fragen nach keiner Erklärung und nach keiner Lösung. Wir fragen, ob es einen Menschen gibt, der schon dort war, wo wir gerade sind.
Wenn ein Erleben größer ist als alles, was wir bisher einordnen konnten, gerät etwas Grundlegendes unter Druck. Es geht dann um die Frage, ob und wie das Leben weitergehen kann. Jedes lebendige Wesen braucht zuerst diese Fortsetzbarkeit: die Möglichkeit, weiterzugehen und auf das zu antworten, was geschieht.
Hawke hält genau diese Reihenfolge fest: „first we have to survive, and then we have to thrive.“ Zuerst müssen wir überleben, dann können wir uns entfalten.
Viele Erzählungen über Kreativität beginnen beim Mut, bei der richtigen Haltung, bei der Entscheidung, sich endlich zu zeigen. Hawke beginnt bei der Not. Und er zeigt, dass Kunst schon dort gebraucht wird, lange bevor von Entfaltung die Rede sein kann.
Ein Gedicht ändert nichts am Verlust. Es gibt dem, was zu groß ist, eine Form. Es stellt dem Schmerz einen Zusammenhang zur Seite, in dem er gehalten werden kann. Und es sagt uns: Du bist mit diesem Erleben nicht der erste Mensch auf der Welt.
In der Not suchen wir zuerst keinen Rat. Wir suchen jemanden, der schon dort war.
Verbindung
Bevor Hawke vom Überleben spricht, sagt er etwas anderes: „we are here on this star in space to try to help one another.“ Wir sind auf diesem Stern im All, um einander zu helfen.
In seiner Gedankenfolge steht die Verbindung am Anfang, noch vor dem Überleben und der Entfaltung. Sie ist der Raum, in dem beides geschieht.
In meiner Lesart liegt die Verbindung zwischen Fortsetzbarkeit und Entfaltung. Sie ist der Raum, in dem ein Mensch lernt, was möglich ist. In Beziehung erfährt ein Nervensystem, wie viel Intensität es halten kann und welche Bedeutung es dem Erlebten geben kann. Was dort kalibriert wird, entscheidet mit darüber, wie weit sich ein Leben öffnen kann.
Kunst ist eine Form dieser Verbindung, die keine Anwesenheit braucht. Wer ein Gedicht über Verlust geschrieben hat, muss unsere Geschichte nicht kennen. Wer ein Lied singt, weiß nicht, wer es hört. Der Mensch, dessen Worte uns erreichen, muss nicht einmal mehr leben. Und trotzdem erfahren wir: Das, was uns gerade bewegt, gehört auch zu einem anderen menschlichen Leben. Jemand hat es gesehen und ihm eine Form gegeben. Das ist Bezeugung über Raum und Zeit hinweg.
Ich kenne das auch von einer leiseren Seite.
Wenn es mir wirklich schlecht geht, lege ich mich manchmal ins Bett und höre ein Hörbuch. Ich lasse mir von einer angenehmen Stimme etwas vorlesen. Oft ist gar nicht entscheidend, was gelesen wird. Es ist die Stimme selbst. Ihr Klang, ihr Rhythmus, ihre Vertrautheit. Da ist jemand, der erzählt. Ich muss nichts tun, nichts leisten, nichts beantworten. Ich kann einfach zuhören. Und ich merke, wie ich ruhiger werde.
Mein Nervensystem antwortet auf die Stimme eines Menschen, der nicht im Raum ist. Den ich vielleicht nie getroffen habe. Dessen Aufnahme Jahre alt sein kann. Trotzdem trägt mich diese Stimme in diesem Moment.
Beim Gedicht über Verlust steht das Bezeugtwerden im Vordergrund. Beim Hörbuch reicht schon der Klang einer menschlichen Stimme. Beides kann ineinandergreifen. In beiden Fällen hat ein anderer Mensch etwas gegeben, das in meiner Not wirkt.
Und dieser Mensch hat es aus seiner eigenen Entfaltung heraus gegeben. Aus dem, was er liebt, was er kann, was er gestalten wollte. Hier berühren sich die beiden Pole des Lebens.
Die Entfaltung des einen kann die Fortsetzbarkeit des anderen tragen.
Entfaltung
„What do you love?“ Was liebst du?
Hawke stellt diese Frage an eine bestimmte Stelle seiner Gedankenfolge. Um uns zu entfalten, müssen wir uns ausdrücken. Um uns auszudrücken, müssen wir uns kennen. Und uns kennen lernen wir, indem wir dem nahekommen, was wir lieben. Dann geschieht etwas: „who you are is revealed to you, and it expands.“ Es zeigt sich, wer du bist, und es weitet sich.
Er erzählt von sich selbst als Zwölfjährigem, in seiner ersten professionellen Rolle, in George Bernard Shaws Saint Joan am McCarter Theater. Er verliebt sich in diesen Beruf, und seine Welt wird größer. Zur Zeit des Talks ist er fast fünfzig. Der Beruf hat ihm seitdem immer mehr zurückgegeben, sagt er, und auf seltsame Weise vor allem über die Figuren, die er gespielt hat.
In diesem Detail steckt viel. Hawke hat sich selbst nicht zuerst gekannt und dann ausgedrückt. Er hat sich kennengelernt, indem er anderen eine Stimme gegeben hat. Wer wir sind, zeigt sich im Antworten.
Das ist die Richtung, in die Leben sich bewegt, wenn die Bedingungen es tragen: Potenzialentfaltung. Man muss sie sich nicht verdienen. Sie entsteht, wenn genug Sicherheit da ist, dass Leben sich öffnen kann. Und sie folgt dem, was uns anzieht.
Hawkes Frage „Was liebst du?“ fragt nach dieser Richtung. Sie ist im Menschen bereits angelegt.
Die Sandburg
Hawke weiß auch, wie schwer das ist. Viele Menschen tun sich schwer damit, sich Kreativität zu erlauben. Er fügt hinzu: „and reasonably so“, aus gutem Grund. Er nimmt die Zurückhaltung ernst, bevor er etwas darüber sagt.
Wir misstrauen unserem eigenen Talent. Wir möchten der Welt etwas von Qualität geben, etwas, das sie für gut oder wichtig hält. Genau das ist für Hawke der Feind: „it’s not up to us whether what we do is any good.“ Ob das, was wir tun, gut ist, liegt nicht bei uns. Und er ergänzt mit Blick auf die Geschichte: „the world is an extremely unreliable critic.“ Die Welt ist ein äußerst unzuverlässiger Kritiker.
Dagegen stellt er die Kinder. Kein Kind baut eine Sandburg mit dem Gedanken, ein besonders guter Sandburgenbauer zu werden. Kinder werfen sich in das, was vor ihnen liegt: Tanzen, Malen, Bauen. Sie haben noch keine Gewohnheiten, und es ist ihnen gleich, ob sie gut darin sind. Jede Gelegenheit nutzen sie, um uns zu zeigen, wer sie sind.
Die Frage ist, wohin diese Leichtigkeit geht.
In meiner Lesart wird sie in Beziehung umgelernt. Kinder erfahren früh, unter welchen Bedingungen ihr Ausdruck willkommen ist. Wo Zugehörigkeit an Leistung, Anpassung oder Funktionieren geknüpft ist, gerät auch das Gestalten unter Bewertungsdruck. Aus der Freude am Bauen wird die Frage, ob das Ergebnis gut genug ist. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, wie wir lernen, was wir Liebe nennen, und hier zeigt sich eine seiner Folgen.
Diese Zurückhaltung war einmal eine sinnvolle Antwort auf die Bedingungen, unter denen ein Mensch aufgewachsen ist. Sie hat Zugehörigkeit geschützt. Darum trifft Hawkes „reasonably so“ so genau.
Der Wert eines Werks und der Wert des Ausdrucks für den Menschen, der ihn wagt, sind zwei verschiedene Fragen.
Zwei Wege zum selben Ort
Am Ende seines Talks schließt Hawke den Kreis. „if you want to help your community … you have to express yourself.“ Wer der Gemeinschaft, der Familie, den Freunden helfen will, muss sich ausdrücken. Dafür muss man sich kennen. Und dafür, sagt er, muss man nur seiner Liebe folgen.
„Follow your love“ steht damit am Ende einer Kette, die bei der gegenseitigen Hilfe beginnt und zu ihr zurückkehrt. Ausdruck ist bei Hawke ein Beitrag zum Gemeinsamen. Was ein Mensch aus Liebe gestaltet, wird zur Antwort an andere.
Das Modell, an dem ich arbeite, heißt Erlebnislogik. Es beschreibt, wie innere Realität im Zusammenspiel von Intensität und Kontext entsteht und wie Leben sich zwischen zwei Polen bewegt. In kurz: Fortsetzbarkeit, Verbindung als Kalibrierungsraum, Potenzialentfaltung.
Hawke sagt: überleben, einander helfen, sich entfalten.
Es ist dieselbe Bewegung, in einer anderen Sprache. Er ist auf der Bühne dorthin gekommen, in den Figuren, die er verkörpert hat. Ich bin in der Begleitung von Menschen und im Nachdenken über Leben dorthin gekommen. Wenn zwei Menschen aus so verschiedenen Richtungen am selben Ort ankommen, sagt das etwas über diesen Ort. Er gehört zum Wesen des Menschseins.
Auch darin ist Kunst ein Dialog. Jemand gibt einer Erfahrung eine Form. Ein anderer begegnet ihr, Jahre oder Jahrhunderte später, und antwortet mit seinem eigenen Leben. Daraus entsteht etwas Neues. Leben ist Dialog, und Kunst ist eine Antwort, die offen bleibt für Antworten, die erst noch kommen.
Ob unsere Beschreibungen gut sind, liegt nicht bei uns. Bei uns liegt, genau hinzusehen, es so gut zu sagen, wie es geht, und es anderen zu geben. Für jemanden, der es erst in hundert Jahren braucht.
Quellen
Ethan Hawke: Give yourself permission to be creative. TED2020, Juni 2020. https://www.ted.com/talks/ethan_hawke_give_yourself_permission_to_be_creative