Die Crux mit der eigenen Energie: Zwischen Verantwortung, Scham und Verletzlichkeit
Vielleicht kennst du Situationen, in denen du das Beste geben möchtest – und trotzdem kommt beim Gegenüber etwas ganz anderes an. Du möchtest Nähe, möchtest ein Bedürfnis ausdrücken oder etwas erzählen, das dich bewegt. Vielleicht bist du sogar davon überzeugt, gerade besonders achtsam zu sein. Und trotzdem wird dein Gegenüber plötzlich still, gereizt, defensiv oder geht auf Abstand.
Dann entsteht schnell diese große innere Irritation: Aber ich wollte doch gar nichts Böses. Ich wollte doch nur sagen, was ich brauche. Ich wollte doch einfach nur reden.
Genau an dieser Stelle beginnt für mich eine der anspruchsvollsten Formen von Verantwortung in Beziehung. Denn unsere Intention ist nur ein Teil dessen, was wir in einen Raum bringen. Unsere Stimme ist da, unsere Körperspannung, unser Tempo, die Intensität, mit der wir sprechen, unsere Dringlichkeit, unsere Unruhe, unser Rückzug, vielleicht auch eine Erwartung, die wir selbst noch gar nicht bemerken.
Wenn ich in diesem Artikel von Energie oder Ausstrahlung spreche, meine ich diese gesamte wahrnehmbare Qualität, mit der wir einem anderen Menschen begegnen. Vieles davon geschieht außerhalb unseres bewussten Zugriffs. Und trotzdem ist es wirksam.
Wenn hier von Scham die Rede ist, geht es ausdrücklich um toxische Scham – jene Form von Scham, die sehr schnell nicht mehr sagt: „Da ist etwas schwierig gelaufen“, sondern: „Mit mir stimmt grundsätzlich etwas nicht.“ Gerade deshalb hängen Verantwortung, Verletzlichkeit und Intention und Wirkung so eng zusammen.
Eine der schwierigsten Lektionen meines Lebens
Eine der schwierigsten Lektionen, die ich in meinem persönlichen Leben und in meiner Begleitungsarbeit lernen musste – und wahrscheinlich immer noch lerne –, lautet:
Wir sind zu 100 % dafür verantwortlich, welche Energie wir in einen Raum bringen – unabhängig davon, ob wir sie bewusst wahrnehmen oder bewusst gewählt haben.
Dieser Satz ist radikaler, als er zunächst klingt. Denn vieles von dem, was wir in Beziehung einbringen, können wir nicht einfach kontrollieren. Es entsteht aus unserer Geschichte, aus unserem gegenwärtigen Zustand, aus Schutzbewegungen, Bindungserfahrungen und aus all den Mustern, die sich lange gebildet haben, bevor wir überhaupt Worte dafür hatten.
Trotzdem gehört das, was aus meinem System kommt, zu meinem Verantwortungsraum. Wer sollte diese Verantwortung sonst tragen?
Dabei bedeutet Verantwortung nicht automatisch, dass mir in diesem Moment eine andere Reaktion zur Verfügung gestanden hätte. Sie bedeutet auch nicht, dass ich es hätte wissen müssen oder dass ich mich dafür verurteilen müsste. Ich kann für etwas verantwortlich sein, das mir noch nicht vollständig bewusst und vielleicht noch nicht unmittelbar veränderbar ist.
Verantwortung beginnt nicht dort, wo Bewusstheit beginnt.
Bewusstheit verändert vielmehr, wie viel von dieser Verantwortung ich bereits sehen, halten und beantworten kann. Für mich ist genau das der Punkt, an dem Verantwortung und Mitgefühl zusammengehören: Ich muss mich für meine Prägungen nicht kreuzigen, und ich muss ihre Wirkung trotzdem nicht verleugnen.
Wenn Intention und Wirkung auseinandergehen
Stell dir vor, ich formuliere einen Wunsch. In meiner eigenen Wahrnehmung klingt er vollkommen harmlos. Vielleicht sage ich: „Ich würde mich freuen, wenn wir heute Abend etwas Zeit miteinander hätten.“
Und gleichzeitig können im Raum noch andere Signale vorhanden sein. Vielleicht bin ich angespannt. Vielleicht habe ich bereits seit Stunden darauf gewartet, dass mein Gegenüber endlich merkt, dass ich Nähe brauche. Vielleicht ist meine Stimme ruhig, aber unter dieser Ruhe liegt eine enorme Dringlichkeit. Vielleicht gibt es in mir längst ein inneres „Du solltest doch merken, was ich brauche“.
Ich selbst höre vor allem meinen Satz. Mein Gegenüber erlebt gleichzeitig meine Stimme, mein Tempo, meine Spannung, meinen Blick und die Intensität, mit der dieser Wunsch im Raum steht.
Hier beginnt die Schwierigkeit, weil zwei reale Vorgänge gleichzeitig existieren: Ich kenne meine Intention von innen. Mein Gegenüber kennt die Wirkung in seinem eigenen System von innen.
Wenn es dann sagt: „Ich habe gerade ziemlich viel Druck gespürt“, kann mein erster Impuls lauten: „Aber ich wollte dich doch überhaupt nicht unter Druck setzen.“ Das kann vollkommen stimmen. Vielleicht wollte ich keinen Druck erzeugen. Und trotzdem war möglicherweise Druck im Raum.
Die entscheidende Frage wird dann, ob ich die Wirkung hören kann, ohne daraus sofort ein Urteil über meinen Charakter zu machen. Eine Wirkung anzuerkennen bedeutet nicht, eine böse Absicht zu gestehen. Es bedeutet zunächst nur, anzuerkennen, dass etwas, das von mir kam, in einem anderen Menschen auf eine bestimmte Weise angekommen ist.
Verantwortung endet nicht an der eigenen Absicht
Genau hier habe ich über viele Jahre immer wieder etwas übersehen. Ich war überzeugt, dass meine gute Absicht eigentlich ausreichend erklären müsste, was gerade geschah. Wenn ich keine Forderung stellen wollte, konnte doch eigentlich keine Forderung da sein. Wenn ich nicht aggressiv sein wollte, konnte meine Energie doch eigentlich nicht bedrohlich wirken.
Das Problem daran ist: Beziehung funktioniert nicht ausschließlich über bewusste Absicht. Wir lesen einander viel umfassender. Lautstärke, Geschwindigkeit, Körperspannung, Blickkontakt, Rückzug, die Art, wie jemand ein Nein aufnimmt – all das wird Teil des relationalen Geschehens.
Vielleicht bemerke ich meine eigene Intensität erst daran, dass mein Gegenüber zurückweicht. Genau diese Rückmeldung könnte mir etwas zeigen, das ich aus meiner Innenperspektive noch nicht sehen konnte.
Die Ursache oder Mitursache einer Wirkung zu sein bedeutet dabei nicht automatisch, schuld zu sein. Schuld fragt sehr schnell danach, wer falsch war. Verantwortung fragt für mich genauer: Was gehört hier zu mir? Was habe ich in diese Situation eingebracht? Was ist beim anderen angekommen? Und wie viel davon kann ich heute bereits wahrnehmen?
Manchmal lautet die ehrlichste Antwort vielleicht: „Ich sehe inzwischen, dass ich enormen Druck ausgestrahlt habe.“ Manchmal lautet sie: „Ich verstehe erst langsam, was du damals wahrgenommen hast.“ Und manchmal kann es auch sein: „Ich sehe die Wirkung und weiß trotzdem noch nicht, wie ich es in solchen Situationen anders machen kann.“
Auch das hebt Verantwortung nicht auf. Es beschreibt lediglich den gegenwärtigen Stand meiner Antwortfähigkeit.
Ich bin verantwortlich für meine Energie – nicht für deine gesamte Innenwelt
Gleichzeitig wäre es eine Verkürzung, aus meiner Verantwortung für meine Wirkung abzuleiten, dass ich damit die gesamte innere Reaktion des anderen verursache.
Wenn ich mit hoher Intensität spreche und mein Gegenüber Angst bekommt, gehört meine Intensität zu mir. Wie sie im anderen verarbeitet wird, entsteht jedoch in einem zweiten System, das ebenfalls seine Geschichte, seine gegenwärtige Verfassung, seine Erwartungen und seine eigene Erlebnislogik mitbringt.
Dieselbe Lautstärke kann für einen Menschen vollkommen unproblematisch sein und für einen anderen eine enorme Intensität erzeugen. Vielleicht erinnert sie ihn an frühere Erfahrungen. Vielleicht ist er gerade erschöpft. Vielleicht gab es zwischen uns bereits Verletzungen. Vielleicht ist ihm mein Auftreten schlicht zu viel.
Das nimmt mir meine Verantwortung nicht ab. Und es nimmt dem anderen seine Verantwortung für seine Antwort ebenfalls nicht ab.
Für mich lässt sich diese Beziehung deshalb sehr klar formulieren: Ich trage zu 100 % Verantwortung für das, was ich in den Raum bringe. Du trägst zu 100 % Verantwortung für deine Antwort darauf. Und weil wir in Beziehung sind, bleiben diese beiden Verantwortungsräume trotzdem nicht voneinander unberührt. Meine Antwort verändert die Bedingungen deiner nächsten Antwort – und deine verändert die Bedingungen meiner.
Genau daraus entsteht Beziehung als fortlaufender Dialog.
Warum toxische Scham Verantwortung so schwierig macht
Sich selbst mit einem wohlwollenden Blick betrachten zu können, während man gleichzeitig anerkennt, dass etwas von einem selbst den anderen verletzt hat, war für mich persönlich eine der größten Herausforderungen.
Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu begreifen, wie stark etwas, das ich selbst kaum wahrgenommen habe, bei anderen ankommen konnte. Gleichzeitig geriet ich in große innere Not, weil ich partout nicht verstand, was eigentlich geschah. Ich bemühte mich doch so sehr. Ich wollte Verbindung. Ich wollte verstanden werden. Und trotzdem scheiterte ich immer wieder.
Mein Lehrer Krish hat mir diese Dynamik unzählige Male erklärt. Dennoch gab es lange einen Teil in mir, der sich rigoros dagegen wehrte, sie wirklich anzunehmen.
Heute ergibt auch dieser Widerstand für mich Sinn. Denn eine Rückmeldung wie „Deine Art macht mir gerade Angst“ kommt in einem schamgeprägten System möglicherweise nicht als Information über eine konkrete Wirkung an. Innerhalb weniger Sekunden wird daraus etwas viel Größeres: „Du bist falsch. Mit dir stimmt etwas nicht. Du machst wieder alles kaputt.“
Dann wird eine Information über Verhalten und Wirkung zu einer Aussage über Identität.
Und in genau diesem Moment wird Verantwortung sehr viel schwieriger.
Scham macht Antwortfähigkeit kleiner
Besonders in Liebesbeziehungen kann diese Dynamik enorme Intensität entwickeln. Gerade dem Menschen, den wir lieben, möchten wir zeigen, dass er uns wichtig ist. Wir möchten Nähe, möchten verstanden werden, möchten vielleicht sogar beweisen, dass unsere Liebe sicher und verlässlich ist.
Wenn dieser Mensch uns dann sagt: „Etwas an deiner Art verletzt mich“, kann das tief in eine alte Schamorganisation hineinreichen.
Vielleicht beginnt sofort eine innere Kaskade: Ich bin falsch. Ich mache immer alles falsch. Ich bin zu viel. Es ist sowieso immer meine Schuld.
Von außen kann diese Bewegung sehr unterschiedlich aussehen. Vielleicht verteidige ich mich und erkläre minutenlang meine Absicht. Vielleicht werde ich wütend. Vielleicht ziehe ich mich zurück oder breche innerlich zusammen. All diese Antworten können eine Schutzfunktion haben, weil mein System versucht, ein bedrohtes Selbstbild und damit häufig auch ein bedrohtes Bindungsgefühl zu stabilisieren.
Die Tragik daran ist, dass genau dadurch die Fähigkeit kleiner wird, überhaupt noch zu hören, was der andere mir sagen wollte. Wenn eine Rückmeldung sofort mein ganzes Sein infrage stellt, bleibt kaum innerer Raum übrig, um sie als Information aufzunehmen.
Scham macht Verantwortung nicht größer. Sie macht Antwortfähigkeit kleiner.
Wirkung hören, ohne mich selbst zu verlassen
Für mich liegt hier eine der entscheidenden Entwicklungsbewegungen. Vielleicht wird es irgendwann möglich, den Satz „Das hat mich verletzt“ zu hören, ohne dass mein System daraus unmittelbar „Du bist ein schlechter Mensch“ machen muss.
Dann könnte ich zunächst sagen: „Ich kann sehen, dass etwas von mir bei dir schmerzhaft angekommen ist.“
Vielleicht weiß ich noch nicht genau, was. Vielleicht finde ich die Erklärung meines Gegenübers nicht vollständig stimmig. Vielleicht war meine Intention tatsächlich eine ganz andere. Trotzdem darf seine Wirkung zunächst existieren, ohne dass ich dafür meine eigene Realität aufgeben muss.
Das ist für mich ein wesentlicher Bestandteil von Beziehung: Die Realität des anderen muss mich nicht auslöschen, damit ich sie anerkennen kann.
Zwei Realitäten halten können
In einer Beziehung existieren mindestens zwei innere Wirklichkeiten. Ich kenne meine Intention von innen. Du kennst deine Wirkung von innen.
Ich weiß vielleicht: „Ich wollte dir nur erzählen, was mich beschäftigt.“ Du weißt gleichzeitig: „Ich habe mich dabei massiv unter Druck gesetzt gefühlt.“
Beides kann nebeneinander bestehen.
Schwieriger wird es dort, wo aus dem eigenen Erleben unmittelbar eine Deutung über die Motivation des anderen entsteht. Aus „Ich habe Druck erlebt“ wird dann möglicherweise „Du wolltest mich kontrollieren“. Das könnte stimmen. Es ist aber bereits eine weitere Ebene, denn nun wird aus der Beschreibung einer Wirkung eine Aussage über meine innere Absicht.
Deshalb finde ich die Unterscheidung so wichtig: Dein Erleben ist real. Deine Deutung meiner Motivation bleibt prüfbar. Meine Intention ist ebenfalls real, und sie hebt deine Wirkung nicht auf.
Zwei Realitäten nebeneinander stehen zu lassen heißt deshalb für mich nicht, dass jeder einfach seine Wahrheit hat und damit die Sache erledigt wäre. Es geht um eine genauere Beziehung zur Wirklichkeit. Was ist geschehen? Was hast du erlebt? Was habe ich erlebt? Welche Bedeutung haben wir jeweils daraus gebildet? Was war meine Intention, welche Wirkung entstand, und was bedeutet das jetzt für unseren Kontakt?
Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben
Ich kenne diese Dynamik sehr gut aus meinem persönlichen Leben. Vielleicht lasse ich Dampf über ein bestimmtes Thema ab, zum Beispiel über Politik. Ich bin aktiviert, spreche schnell, werde möglicherweise lauter und bringe viel Intensität in den Raum. Häufig habe ich früher gar nicht wahrgenommen, ob mein Gegenüber gerade überhaupt die Kapazität oder die Bereitschaft hatte, diese Intensität mit mir zu teilen.
Meine Partnerin zieht sich irgendwann zurück. Was genau in ihr geschieht, kann ich von außen natürlich nicht vollständig wissen. Vielleicht erlebt sie meine Intensität als Druck. Vielleicht berührt meine Lautstärke Erfahrungen aus ihrer eigenen Geschichte. Vielleicht ist sie einfach erschöpft und möchte diese Energie gerade nicht im Raum haben.
Ihr Rückzug erreicht nun wiederum mein System. Und dort bekommt er möglicherweise sehr schnell eine Bedeutung: Sie verschwindet. Sie interessiert sich nicht für mich. Ich werde wieder allein gelassen.
Damit steigt meine Intensität. Ich rede vielleicht schneller, erkläre mehr oder versuche noch eindringlicher, sie zu erreichen. Genau diese höhere Intensität erreicht wiederum sie, woraufhin sie sich möglicherweise noch weiter zurückzieht. Ihr stärkerer Rückzug verstärkt wiederum mein Gefühl von Verlassenheit.
So entsteht ein Kreislauf, in dem jede Antwort die Bedingungen der nächsten verändert.
Dabei bleibt die Verantwortung trotzdem differenziert. Meine Intensität gehört zu mir. Ihr Rückzug gehört zu ihr. Meine Interpretation ihres Rückzugs gehört zu mir, ihre Interpretation meiner Intensität gehört zu ihr. Gleichzeitig wirken wir aufeinander und gestalten das Feld, in dem die jeweils nächste Antwort entsteht.
Die schmerzhafte Ironie vieler Schutzbewegungen
Ich kann mich an unzählige Situationen erinnern, in denen ich mich schrecklich einsam und verloren gefühlt habe. In meiner Erlebnislogik wollte ich „doch nur reden“. Ich verstand nicht, warum der andere zurückwich, und genau dieser Rückzug verstärkte meine ohnehin vorhandene toxische Scham: Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Niemand versteht mich wirklich.
Lange konnte ich kaum sehen, dass meine enorme Sehnsucht nach Kontakt möglicherweise bereits mit so viel Dringlichkeit im Raum stand, dass sie Kontakt für den anderen schwieriger machte.
Darin liegt eine der tragischen Seiten solcher Beziehungsschleifen. Wir sehnen uns nach Verbindung und erhöhen aus dieser Sehnsucht heraus die Intensität. Der andere erlebt diese Intensität möglicherweise als Druck und zieht sich zurück. Dieser Rückzug bestätigt wiederum genau jene innere Realität, aus der unsere Dringlichkeit entstanden ist: Niemand ist wirklich für mich da.
Unsere Schutzbewegungen können so Bedingungen mit erzeugen, unter denen genau jene Erfahrung wahrscheinlicher wird, vor der sie uns eigentlich schützen sollen.
Brené Brown formuliert es sinngemäß so:
„Scham ist das Gefühl, dass wir nicht liebenswert und nicht gut genug sind – und sie kann uns in die Isolation treiben und auch dort halten.“
Verantwortung als Ansprechbarkeit
Was bedeutet Verantwortung in diesem Zusammenhang praktisch?
Für mich beginnt sie damit, ansprechbar zu werden. Vielleicht sagt mein Gegenüber: „Du bist gerade unglaublich drängend.“ Meine unmittelbare Innenperspektive sagt vielleicht: „Nein, bin ich überhaupt nicht. Ich versuche nur, mich verständlich zu machen.“
Zwischen diesen beiden Positionen könnte ein kleiner Raum entstehen. Ich könnte wahrnehmen, dass ich mich selbst nicht als drängend erlebe und gleichzeitig beim anderen etwas Drängendes ankommt. Damit muss noch überhaupt nicht entschieden sein, wie die Situation vollständig zu verstehen ist. Aber eine zusätzliche Information ist in den Raum gekommen.
Der andere kann auf diese Weise zu einer wichtigen Quelle von Rückmeldung über meine relationale Wirkung werden. Wir können uns selbst schließlich niemals vollständig von außen sehen. Gerade in enger Beziehung zeigt sich deshalb vieles erst im Spiegel des Gegenübers.
Diese Spiegelung funktioniert allerdings nur dann wirklich relational, wenn sie ebenfalls korrigierbar bleibt. „Du bist manipulativ“ ist etwas anderes als: „Als du dreimal weiter nachgefragt hast, obwohl ich schon Nein gesagt hatte, habe ich starken Druck erlebt.“ Das eine ist eine Deutung über den Menschen, das andere beschreibt ein beobachtbares Verhalten und eine Wirkung.
Ich möchte für meine Wirkung ansprechbar bleiben, ohne dem anderen deshalb automatisch die Deutungshoheit über mein Inneres zu geben.
Wenn Feedback möglich wird
Je weniger eine Rückmeldung mein gesamtes Selbstbild bedroht, desto genauer kann ich möglicherweise hören. Dann könnte aus einem Konflikt etwas anderes entstehen als Verteidigung oder Rückzug.
Vielleicht bemerke ich, dass ich lauter oder drängender war, als ich dachte. Vielleicht fällt mir auf, dass meine Stimme zwar freundlich klang, aber ein Nein innerlich kaum Raum hatte. Vielleicht erkenne ich, dass meine Absicht gut war und ich gleichzeitig nicht wahrgenommen habe, wie wenig Kapazität mein Gegenüber gerade für meine Intensität hatte.
Manchmal kann ich eine Rückmeldung trotzdem nicht sofort aufnehmen. Auch das gehört zur Realität. Vielleicht merke ich, dass mein Antwortspielraum gerade so eng geworden ist, dass jedes weitere Gespräch nur mehr Verteidigung hervorbringen würde. Dann kann eine Pause Teil von Verantwortung sein, wenn sie nicht dazu benutzt wird, Verantwortung verschwinden zu lassen, sondern den Raum schafft, später wieder ansprechbar zu werden.
Gerade darin zeigt sich für mich auch die Bedeutung von Repair. Beziehungen werden nicht dadurch tragfähig, dass wir niemals eine schwierige Wirkung aufeinander haben. Wir werden Dinge übersehen, einander verletzen, Schutzbewegungen entwickeln und Situationen falsch lesen. Entscheidend wird, ob wir später zurückkommen können.
Vielleicht kann ich am nächsten Tag sagen: „Gestern konnte ich das überhaupt nicht hören. Heute verstehe ich besser, was du gemeint hast.“ Oder: „Ich sehe inzwischen, dass ich weiter Druck gemacht habe, obwohl du längst auf Abstand gegangen bist.“
Dann bleibt Verantwortung keine richtige Formulierung. Sie wird verkörpert.
Wie sich Ausstrahlung tatsächlich verändert
Interessanterweise verändert sich Ausstrahlung möglicherweise gerade dort, wo wir aufhören, sie bewusst herstellen zu wollen.
Wenn ich nicht mehr beweisen muss, dass ich harmlos bin, kann etwas in meiner Präsenz weicher werden. Wenn ich Rückmeldung hören kann, ohne sofort in toxische Scham zu kippen, muss ich mein Selbstbild weniger verteidigen. Wenn ein Nein nicht unmittelbar Bindungsalarm auslöst, könnte ein Wunsch seine unbewusste Dringlichkeit verlieren.
Dann entsteht Veränderung nicht als Performance. Sie entsteht dadurch, dass mehr von dem, was ohnehin geschieht, wahrnehmbar und haltbar wird.
Unsere Ausstrahlung verändert sich möglicherweise als Folge wachsender Antwortfähigkeit.
Verfügbarkeit und Verantwortung
Thomas Hübl weist in seinem Buch Attuned auf einen Zusammenhang hin, den ich in diesem Kontext sehr wesentlich finde:
„Availability is the foundation of responsibility – the ability to respond. One requires the first to accomplish the second. Your capacity to respond to another from your authentic core depends on your level of availability.“
(Thomas Hübl, Attuned)
Verfügbarkeit beschreibt für mich hier die Frage, wie viel von uns in einem bestimmten Moment tatsächlich zugänglich ist. Kann ich wahrnehmen, was gerade geschieht? Kann ich deine Wirkung hören und gleichzeitig bei meiner eigenen Realität bleiben? Kann ich bemerken, dass mein System in Schutz geht? Kann ich nach einem Bruch wieder zurückkommen?
Je größer diese Verfügbarkeit ist, desto differenzierter wird auch unsere Antwortfähigkeit.
Die Verantwortung selbst beginnt für mich allerdings früher. Ich trage auch dort Verantwortung für das, was aus meinem System kommt, wo mir noch kaum eine andere Antwort zur Verfügung steht. Meine Antwortfähigkeit beschreibt, wie viel von dieser Verantwortung ich in diesem Moment tatsächlich sehen und verkörpern kann.
Das ist für mich eine entscheidende Unterscheidung, weil sie weder in Schuld noch in Entschuldung führt.
Verantwortung ohne Kreuzigung
Vielleicht liegt genau hier die anspruchsvollste Bewegung dieses ganzen Themas. Ich kann anerkennen, dass eine bestimmte Energie von mir kam, dass sie eine Wirkung hatte und dass ich heute klarer sehe, was damals im Raum war. Gleichzeitig darf es Sinn ergeben, dass mein System unter den damaligen Bedingungen genau so organisiert war.
Meine Geschichte erklärt, wie etwas entstehen konnte. Sie löscht die Wirkung nicht aus.
Der andere darf verletzt sein. Er darf Grenzen haben. Ich darf mich irren, darf lernen und möglicherweise erst langsam begreifen, was mein Anteil an einer Dynamik war. Manche Veränderungen brauchen Zeit, Beziehung und viele Wiederholungen.
Für mich ist das eine wesentlich tiefere Form von Verantwortung als die Vorstellung, ein reifer Mensch müsse jederzeit die richtige Energie produzieren können.
Fazit: Wir bringen immer etwas in den Raum
Wir können nicht verhindern, dass wir in Beziehung wirken. Unsere Stimme, unser Tempo, unsere Spannung, unser Schweigen, unser Rückzug, unsere Freude, unsere Angst, unsere Bedürftigkeit und unsere Klarheit werden Teil des Feldes, sobald wir einem anderen Menschen begegnen.
Vieles davon ist uns zunächst nicht bewusst. Trotzdem gehört es zu uns.
Wir tragen zu 100 % Verantwortung für das, was wir in einen Raum bringen.
Diese Verantwortung verlangt keine Selbstverurteilung und setzt keine vollständige Kontrolle über unser Nervensystem voraus. Sie bedeutet für mich die Bereitschaft, mich von meiner Wirkung berühren zu lassen, genauer hinzusehen und meine eigene Geschichte zu verstehen, ohne sie gegen die Realität des anderen einzusetzen.
Dann können zwei Wirklichkeiten im selben Raum bestehen. Meine Intention darf real sein, deine Wirkung ebenfalls. Meine Geschichte darf Kontext bekommen, ohne zum Freibrief zu werden. Und möglicherweise entsteht genau dort etwas, das Beziehung überhaupt erst tragfähig macht: die Fähigkeit, ansprechbar zu bleiben.
Aus dieser Ansprechbarkeit kann Repair entstehen. Aus Repair kann Vertrauen wachsen. Und mit wachsender Antwortfähigkeit verändert sich möglicherweise auch jene Energie, die wir in Beziehung mitbringen.
Häufige Fragen
Wie kommuniziere ich meine Energie richtig?
Eine vollkommen „richtige“ Energie gibt es wahrscheinlich nicht. Interessanter könnte die Frage sein, mit welcher Intensität du gerade in einen Kontakt gehst und wie viel Raum im Gegenüber dafür vorhanden ist. Vielleicht lässt sich wahrnehmen, ob du schneller sprichst als sonst, ob viel Dringlichkeit vorhanden ist oder ob ein Nein für dich innerlich tatsächlich stehen bleiben könnte.
Manchmal könnte schon eine kurze Rückfrage einen anderen Kontext herstellen: „Ich merke, dass ich gerade ziemlich viel Energie habe. Hast du Kapazität, das mit mir zu hören?“
Wie kann ich entdecken, welche Energie ich wirklich in einen Raum bringe, ohne mich zu verstellen?
Ehrliche Rückmeldungen von Menschen, denen du vertraust, können dabei sehr wertvoll sein. Vielleicht lässt sich konkret fragen, wie du wirkst, wenn du aufgeregt bist, wann deine Energie drängender wird oder was mit deiner Stimme und deinem Tempo geschieht.
Auch der eigene Körper kann Hinweise geben. Spannung im Brustkorb, Kiefer oder Bauch, Veränderungen im Atem oder in der Lautstärke können sichtbar machen, wie viel Intensität gerade vorhanden ist. Dabei geht es weniger darum, eine bessere Version von dir herzustellen, als darum, wahrzunehmen, was ohnehin geschieht.
Was kann ich tun, wenn mich jemand auf meine Wirkung hinweist und ich sofort in Scham kippe?
Vielleicht hilft zunächst die Unterscheidung zwischen Wirkung und Identität. Eine Rückmeldung darüber, wie etwas angekommen ist, ist noch kein Urteil über deinen Wert als Mensch.
Wenn bereits sehr viel Intensität vorhanden ist, muss möglicherweise auch nicht alles im selben Moment geklärt werden. Ein Satz wie „Ich merke, dass mich das gerade sehr trifft und ich möchte trotzdem verstehen, was du sagst. Ich brauche etwas Zeit“ könnte Beziehung offenhalten, ohne die eigene Kapazität zu übergehen.
Wie kann ich mein Nervensystem regulieren und damit meine Beziehungs-Ausstrahlung verändern?
Regulation bedeutet für mich nicht, möglichst schnell ruhig zu werden. Manchmal beginnt sie damit, überhaupt zu bemerken, wie viel Intensität gerade vorhanden ist und welche Antwort daraus entsteht.
Eine Pause, Orientierung im Raum, Bewegung, Atem, Kontakt mit dem eigenen Körper oder Ko-Regulation mit einem vertrauten Menschen könnten unterstützend wirken. Entscheidend bleibt, ob daraus mehr Beziehung zum eigenen Zustand und damit etwas mehr Antwortspielraum entsteht.
Wann könnte professionelle Unterstützung sinnvoll sein?
Wenn sich dieselben Dynamiken immer wiederholen, Beziehungen stark belasten oder trotz großer kognitiver Einsicht kaum Zugang zu dem entsteht, was in den entscheidenden Momenten tatsächlich geschieht, könnte Begleitung hilfreich sein.
Gerade bei alten Bindungs- und Schutzmustern reicht Verstehen häufig nicht aus. Neue Erfahrungen, Beziehung, Wiederholung und Zeit können eine wichtige Rolle spielen.
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6 Kommentare
Hat mir weitergeholfen
Das freut mich zu hören. Danke fürs Feedback.
Sehr spannend. Danke
Danke für die Rückmeldung.
Danke für das Feedback.