Wann sind wir eigentlich Wilde geworden?

Lesedauer 11 Minuten

Warum unser Bild von Zivilisation jeder Grausamkeit standhält – und unser Bild vom Menschen jeder Liebe.

Ende September stand ein Film auf Platz eins der deutschen Netflix-Charts: Unabomber. Er erzählt von einem Sechzehnjährigen, der 1958 als mathematisches Wunderkind nach Harvard kommt und Jahrzehnte später zum Feind der Zivilisation schlechthin geworden ist.

Wir sehen uns das an, im Warmen auf dem Sofa, eine Tüte Chips neben uns. Wir sehen das altehrwürdige Harvard, einen Psychologen im maßgeschneiderten Dreiteiler, der junge Menschen systematisch demütigt, den verwahrlosten Mann in der Hütte, die beispiellose Menschenjagd auf ihn. Dann läuft der Abspann, wir schalten aus, stellen die Chips weg und gehen ins Bett, und an keiner Stelle dieses Abends gerät in Zweifel, dass wir in einer zivilisierten Welt leben.

Genau darum geht es hier: nicht um den Film und nicht um den Mann in der Hütte, sondern um die erstaunliche Stabilität eines Gedankens, dass wir zivilisiert sind – und um die Frage, die entsteht, wenn man ihn einmal ernst nimmt. Wann sind wir eigentlich Wilde geworden?

Ein Wort, das mehr sagt, als es beschreibt

„Wir leben schließlich in einer zivilisierten Gesellschaft.“ Den Satz muss niemand erklären. Er meint geordnet, vernünftig, rechtsstaatlich, beherrscht, und vor allem meint er: weiter. Weiter als früher, weiter als die anderen, weiter als das Wilde, das Primitive, das Unbeherrschte.

Zivilisation beschreibt einen Organisationsgrad, Schrift, Recht, Institutionen, Technik, Arbeitsteilung. In unserem Sprachgebrauch trägt das Wort aber fast durchgehend eine zweite Bedeutung mit, eine moralische Höherstellung: Wer zivilisiert ist, hat etwas hinter sich gelassen.

Und hier beginnt das Staunen. Es ist eine bemerkenswerte kulturelle Leistung, dass wir ein Geschichtsbuch lesen können – Kriege, Folter, Vertreibung, Versklavung, Menschenversuche, organisierte Grausamkeit über Jahrhunderte – und es anschließend zuklappen, ohne dass der Satz „Wir leben in einer zivilisierten Welt“ einen Kratzer abbekommt. Viele Menschen tun genau das, Jahr für Jahr, und der Begriff bleibt intakt. Dabei haben wir noch nicht einmal gefragt, wer dieses Geschichtsbuch geschrieben hat.

Wie das gelingt, zeigt eine Wendung, die wir alle kennen: das dunkle Kapitel. Sie benennt das Grauen und leistet ganz nebenbei etwas Zweites. Das Kapitel ist dunkel, das Buch bleibt hell, und die Zivilisation bleibt, was sie war – sie hat nur ein Kapitel, über das man nicht gern spricht.

Gewalt beschädigt Menschen, Institutionen und Epochen. Das Narrativ der Zivilisation beschädigt sie erstaunlich selten.

Krönung der Schöpfung, gefährliches Wesen

Neben der Zivilisation steht eine zweite große Selbstbeschreibung, der Mensch als Krönung der Schöpfung. Wenn wir diese Sonderstellung begründen, greifen wir auffällig oft zu dem, was wir können: Wir bauen Städte, fliegen zum Mond, entschlüsseln das Genom, spalten Atome, wir gestalten, planen, beherrschen. Manche sprechen noch von Kunst, von der Fähigkeit, dem Erleben einen höheren Ausdruck zu geben.

Seltener lautet die Begründung: Wir können lieben. Wir sind hilfsbereit, von Fürsorge bewegt. Wir können Verantwortung für unsere Wirkung übernehmen, fremdes Leid wahrnehmen und unsere Macht freiwillig begrenzen. Die Krönung wird über Kontrolle erzählt, kaum über Beziehung.

Daneben liegt, scheinbar unvereinbar, die dritte Erzählung: Der Mensch ist ein Wesen, dem man von Natur aus nicht trauen kann, egoistisch, triebhaft, aggressiv. Ohne Regeln drohe Chaos, ohne Erziehung Verwilderung, ohne Staat Gewalt. Thomas Hobbes hat diesen Gedanken 1651 zur Begründung politischer Ordnung gemacht – ohne eine Macht, die alle in Schach hält, herrsche ein Krieg aller gegen alle. Erfunden hat er ihn nicht, aber er hat ihn so formuliert, dass er kulturell enorm erfolgreich wurde. Der Historiker Rutger Bregman nennt die Vorstellung, unter einer dünnen Schicht Zivilisation warte das Raubtier, die Fassadentheorie, und setzt ihr ein Gegenbild entgegen: Der Mensch sei im Grunde gut. Damit bleibt allerdings die Frage, was der Mensch seinem Wesen nach ist, und sie führt in dieselbe Sackgasse wie die Frage, ob er wild ist oder zivilisiert. Aufschlussreicher ist, wie die drei Erzählungen zusammenarbeiten.

Denn sie widersprechen sich nur auf den ersten Blick. Krönung der Schöpfung heißt, wir stehen über der Natur. Das negative Menschenbild heißt, die Natur in uns ist gefährlich. Zusammen ergibt das eine Aufgabe: Die Natur in uns muss beherrscht werden, und die organisierte Form dieser Beherrschung nennen wir Zivilisation.

Wir haben uns über die Natur gestellt, die Natur in uns zum Problem erklärt und die Ordnung zu ihrer Kontrolle Zivilisation genannt.

Was dabei aus dem Blick gerät: dass wir selbst Natur sind. Ganz vergessen haben wir das nicht. Geht es um unseren Körper, um Schlaf, Ernährung oder Krankheit, fragen wir selbstverständlich nach Bedingungen, so wie bei einer Pflanze nach Licht, Boden und Wasser. Dort wissen wir, dass Naturgesetze nicht verhandeln. Sobald es um unser Wesen geht, darum, wie wir uns ausdrücken, verhalten und in Beziehung treten, wechseln wir die Ebene und sprechen von Charakter, Moral und Disziplin. Dass auch unser Ausdruck Naturgesetzen folgt, dass Vertrauen, Bindung und Entwicklung Bedingungen brauchen, klingt banal, sobald man es ausspricht. Gemessen an dem Bild, das wir von uns pflegen, ist das Wort radikal dafür nicht zu groß.

Die Absicht, Menschen zu brechen

1953 startete die CIA ein Programm mit dem Codenamen MKULTRA, das einer Frage nachging: wie sich menschliches Verhalten kontrollieren lässt, mit Drogen, Hypnose, Schlafentzug, psychischer Destabilisierung. Als CIA-Direktor Stansfield Turner 1977 vor dem US-Senat aussagte, ließen sich 149 Teilprojekte an 80 Institutionen rekonstruieren, darunter 44 Colleges und Universitäten, zwölf Krankenhäuser und drei Gefängnisse. Finanziert wurde über Tarnorganisationen, und viele Beteiligte wussten nicht, wer zahlte. Wie viele Menschen betroffen waren, lässt sich nicht mehr sagen, denn Turners Vorgänger Richard Helms hatte 1973 die Vernichtung der Akten angeordnet.

Bemerkenswerter als die Zahlen ist die Absicht: herauszufinden, wie man einen Menschen bricht. Durchgeführt wurde das an Universitäten und Krankenhäusern, an Orten also, die für Bildung und Heilung stehen, und gewonnen wurden viele Versuchspersonen über das, was an ihnen am verlässlichsten war – ihre Bereitschaft, an Forschung teilzunehmen, etwas beizutragen, zu helfen.

Genehmigt, finanziert und durchgeführt haben das Menschen mit Ämtern, Titeln und Eiden, Menschen, die sich sehr wahrscheinlich als Elite genau dieser Zivilisation verstanden: Geheimdienstdirektoren, Klinikleitungen, Forschende, darunter Psychologen und Psychiater, deren Beruf dem Heilen verpflichtet ist. Gearbeitet wurde unter Überschriften wie Sicherheit, Forschung, Verhörtechnik. Die Überschrift Barbarei findet sich in keiner Akte. Als sich im Juli 2026 eine Arbeitsgruppe des US-Kongresses erneut mit MKULTRA befasste, sprachen Zeugen von medizinischer Folter, und auch das ist inzwischen Teil der Geschichte, die wir kennen.

Ob Henry Murray, der Harvard-Psychologe aus dem Film, im Auftrag der CIA handelte, ist bis heute umstritten, und für die Frage dieses Textes ist es zweitrangig. Von 1959 bis 1962 unterzog Murray 22 Studenten einem Experiment, in dem sie Woche für Woche verbal angegriffen und gedemütigt wurden; ihre Reaktionen wurden gefilmt und ihnen später vorgespielt. Murray selbst beschrieb diese Angriffe als „heftig, umfassend und persönlich herabsetzend“. Mit Auftrag oder ohne, die Haltung ist dieselbe: Ich darf einen Menschen demütigen, um zu sehen, was dann geschieht. Einer dieser Studenten war Ted Kaczynski, und als es begann, war er siebzehn.

Jede Gewalt hat eine Begründung

Wenn wir ein Bild für Barbarei suchen, liegen die Opferrituale der Maya nicht weit, Steinaltäre, Blut, Priester, und das Bild ruft sofort ab: archaisch, grausam, unzivilisiert. Die Maya-Priester haben dabei kein Fest der Grausamkeit gefeiert. Sie hatten eine Erzählung, die das Opfer notwendig machte – die Ordnung der Welt verlangte es, die Götter mussten genährt, der Kosmos erhalten werden –, und sie haben es offen getan, vor allen, als Teil einer geteilten Ordnung.

Die CIA hatte ebenfalls eine Erzählung, die ihr Programm notwendig machte: den Kalten Krieg, die Angst, der Gegner könnte Methoden der Gedankenkontrolle besitzen, die Sicherheit des Landes. Nur hat sie es verdeckt getan. Die Bevölkerung wurde nicht gefragt, ob man junge Menschen psychisch brechen darf, damit sie ruhiger schlafen kann.

Auch Kaczynski hatte eine Erzählung. In seinem Manifest, 1995 in der Washington Post und der New York Times veröffentlicht, begründet er seinen Krieg mit einer industriellen Gesellschaft, die die menschliche Autonomie zerstöre. Wenn ich diese Geschichte mit dem Blick betrachte, mit dem ich seit vielen Jahren Menschen begleite, sehe ich darunter etwas anderes: einen gedemütigten jungen Mann, dessen Autonomie erst vom Vater und dann von Murray gebrochen werden sollte und der sich gerächt hat, mit einem Intellekt, der ihm die Rechtfertigung lieferte. In seinem Tagebuch steht 1971, Jahre vor dem ersten Anschlag, sein Motiv sei schlicht persönliche Rache, am liebsten am ganzen wissenschaftlichen und bürokratischen Establishment. Sein Manifest kritisiert Ersatzhandlungen, mit denen der moderne Mensch das Bedürfnis stillt, eigene Ziele aus eigener Kraft zu erreichen. Mit seinen eigenen Begriffen gelesen, war der Terror seine Ersatzhandlung.

Maya, Geheimdienst, ein Mann in einer Hütte. Drei Formen von Gewalt, drei Notwendigkeitserzählungen. Begründet haben sie alle. Den Anspruch, zivilisiert zu sein, erhebt nur der Geheimdienst. Was die Gewalt in unseren Augen unterscheidet, ist weniger ihre Begründung als ihr Gewand. Der Priester trägt das seine, der Psychologe den maßgeschneiderten Dreiteiler. Der Mann in der Hütte trägt Lumpen.

Wenn genug Menschen genickt haben, heißt Gewalt Ordnung. Wenn einer handelt, heißt sie Terror.

Harvard hat diesen Jungen zum Wilden gemacht

Harvard ist in der westlichen Vorstellung mehr als eine Universität. Es steht für Wissen, Vernunft und Elite, für alles, worauf wir stolz sind, wenn wir uns zivilisiert nennen. Und ausgerechnet aus dieser Schmiede der Zivilisation kommt einer der bekanntesten Inlandsterroristen der USA, ein Mann, der eben dieser Zivilisation ausdrücklich den Krieg erklärt hat. Die Ironie liegt offen da, und der Film legt sie seinem Publikum regelrecht in den Schoß. Beweisen lässt sich der Zusammenhang historisch nicht, als Deutung liegt er erstaunlich nahe.

Benannt wird er trotzdem nicht. Der Film erhebt keine Anklage gegen die Institution, und die Absicht, Menschen zu brechen, steht darin als Kulisse, dramatisch inszeniert und an keiner Stelle befragt. Er erzählt nicht, ob jemand zur Rechenschaft gezogen wurde, nicht, wie wir heute auf diese Forschung blicken, und nicht, wer außer diesem einen Studenten noch in solchen Räumen saß. Die Ermittlerin, eine für den Film erfundene Figur, sucht den Täter und fragt nicht, was ihm angetan wurde, und selbst Rache kommt nicht als Frage vor, denn Rache hätte einen Adressaten gebraucht. Der Abspann nennt das Programm und eine Zahl.

So bleibt die Zivilisation, was sie im Film von Anfang an ist: Hintergrund. Problematisch wird der Einzelne.

Auch seine Warnung lässt sich so ablegen. In einer zivilisierten Gesellschaft wird ein Argument an dem gemessen, der es ausspricht, und wer Bomben verschickt, dessen Gedanken muss niemand mehr prüfen. Dabei liest sich die Sorge, eine Technik könne dem Menschen die Autonomie nehmen, im Jahr 2026 anders als 1995.

Zwei Immunisierungen

Was der Film im Kleinen zeigt, geschieht im Großen täglich. Wir schlagen die Zeitung auf und finden irgendwo, an fast jedem Tag, einen Gegenbeweis gegen unsere Zivilisiertheit, der zum Skandal wird, zur Ausnahme, zum Einzeltäter, zum dunklen Kapitel – und die übergeordnete Selbstbeschreibung übersteht ihn.

Beim Menschen selbst läuft die Evidenz in die Gegenrichtung. Begeht jemand etwas Grausames, heißt es: So sind Menschen eben. Pflegen Menschen jahrzehntelang ihre Angehörigen, ziehen Kinder groß, trösten einander, riskieren ihr Leben für Fremde, dann gilt das als normal, als nett, als schöne Geschichte, kaum je als Aussage über unsere Natur.

Grausamkeit lesen wir als Wesen des Menschen und als Ausnahme der Zivilisation. Liebe lesen wir als Ereignis.

Wir denken schlecht über uns, und mit Blick auf MKULTRA kann man sagen: zu Recht. Zugleich sind wir eine Spezies, deren Nachwuchs ohne jahrelange Fürsorge nicht überlebt. Wir bilden Bindungen, beruhigen einander, stimmen uns aufeinander ein und kooperieren in einem Ausmaß, das Kultur überhaupt erst möglich macht. Das gehört ebenso zu unserer Natur wie Aggression, und doch kommt in der großen Selbstbeschreibung kaum vor, dass wir uns als liebende Wesen begreifen könnten.

So stehen zwei Immunisierungen nebeneinander: Unser Bild von Zivilisation ist erstaunlich unempfindlich gegen unsere Grausamkeit, unser Bild vom Menschen erstaunlich unempfindlich gegen unsere Liebesfähigkeit. Und um die Frage, warum Menschen tun, was sie tun – unter welchen Bedingungen Gewalt entsteht und unter welchen Bindung –, machen wir als Kultur einen großen Bogen.

Warum der Rahmen hält

Wie genau das kollektiv gelingt, wäre eine Forschungsarbeit für ein Leben, eine Vermutung lässt sich trotzdem formulieren. Wer den Blick auf die Geschichte weitet, auf Harvard, auf die CIA, auf die Institutionen, in denen wir leben, nimmt damit eine enorme Intensität auf: Schuld, Scham, Mitverantwortung. Diese Intensität will gehalten werden, und eine Kultur kann sie so wenig unbegrenzt halten wie ein einzelner Mensch. Der naheliegende Weg ist dann, den Kontext zu begrenzen. Das war damals. Das waren andere. Das war ein Einzelner. Das entspricht nicht unseren Werten.

Jeder dieser Sätze kann für sich wahr sein. Zusammen erfüllen sie eine zweite Aufgabe, sie halten die Selbstbeschreibung stabil. Erleben muss Sinn ergeben, auch das Erleben einer ganzen Kultur, und „Wir sind zivilisiert“ ist ein Satz, der Sinn stiftet, wo die Geschichte ihn verweigert.

So gelesen ist Zivilisation auch ein kollektiver Schutz vor Schuld und Scham. Die Geschichte des Unabombers wird als Geschichte eines einzelnen, verwirrten Mannes erzählt, der es nicht leicht hatte, und welchen Anteil eine Gesellschaft daran hat, dass es ihn gibt, bleibt offen, weil die Frage gar nicht erst gestellt wird. Das ist kein Urteil über diese Stabilisierung. Wir brauchen sie, als Gesellschaft und jeder für sich, ohne sie wären viele Gegenwarten kaum auszuhalten. Mit moralischem Fortschritt hat sie allerdings wenig zu tun.

Was wir das Wilde nennen

Bleibt das andere Wort im Titel. Wild nennen wir das Ungezügelte, das Triebhafte, die Natur in uns, vor der die Ordnung uns schützen soll. Egoismus, Aggression und Rücksichtslosigkeit begegnen uns tatsächlich überall. Die Frage ist, woher sie kommen.

In meiner Arbeit mit Menschen begegnen sie mir kaum als Grundausstattung. Sie begegnen mir als Antwort, als Schutz eines Organismus, dem Wärme, Verbindung und Halt gefehlt haben. Wo Bindung nicht getragen hat, organisiert sich Schutz, und Schutz kann hart aussehen. Eine Ordnung, die Nähe an Leistung knüpft und Verletzlichkeit als Schwäche liest, bringt genau den Mangel hervor, aus dem diese Härte wächst, und begegnet der Härte dann mit mehr Ordnung.

Die Ordnung schafft den Mangel, aus dem das Ungezügelte wächst, und antwortet darauf mit mehr Ordnung.

Wild im ursprünglichen Sinn hieße: unserer Natur folgend. Zu ihr gehört Aggression, und ebenso gehören Bindung, Fürsorge und das Bedürfnis, einander zu halten. Wären wir in diesem Sinn wieder Wilde, wir würden uns vermutlich mehr lieben.

Zu Wilden sind wir geworden, als wir aufgehört haben, natürlich wild zu sein.

Was der Film zeigt, ohne es zu sagen

Man kann dem Film mit Wohlwollen begegnen. Mit dem Blick aus meiner früheren Arbeit beim Film sehe ich in der Montage am Ende, in der Harvard und Hütte gegeneinander geschnitten werden, auch eine mögliche Absicht: die Metapher so einzubauen, dass sie an den Studioverantwortlichen vorbeikommt – und wer sie sehen will, sieht sie. Wahrscheinlich ist das nicht, möglich ist die Lesart, und auch das gehört dazu: Kontext entscheidet, was ein Bild bedeutet.

Der Film enthält alles, was nötig wäre, um das Narrativ zu erschüttern: Harvard, ein staatliches Programm zum Brechen von Menschen, einen jungen Mann, der zum Feind der Zivilisation wird, und die Zivilisation, die ihn jagt. Und doch können wir ihn ansehen, im Warmen, und sind danach so zivilisiert wie davor, und in drei Monaten wird Harvard noch genau die Galionsfigur von Bildung und Vernunft sein, die es heute ist.

Darin liegt die eigentliche Pointe. Der Film beweist nicht, dass wir Wilde sind, er zeigt, wie stabil die Erzählung ist, dass wir es nicht sind.

Ein Datum hat die Frage aus dem Titel nicht. Stellen lässt sie sich trotzdem, jedes Mal, wenn der Abspann läuft und wir sicher sind, auf der richtigen Seite zu sitzen.

Häufige Fragen

Ist der Netflix-Film „Unabomber“ eine wahre Geschichte?

Der Film beruht auf realen Ereignissen. Ted Kaczynski kam 1958 mit sechzehn nach Harvard und nahm von 1959 bis 1962 an einem Experiment des Psychologen Henry Murray teil, in dem Studenten gezielt verbal angegriffen und gedemütigt wurden. Einiges ist dramatisiert: Die FBI-Ermittlerin im Film ist eine erfundene Figur, und ob Murrays Experiment Kaczynskis spätere Entwicklung geprägt hat, ist historisch umstritten.

Was war das Harvard-Experiment mit Ted Kaczynski?

Henry Murray untersuchte, wie Menschen unter Stress reagieren. 22 Studenten wurden über drei Jahre hinweg regelmäßig in Verhörsituationen gebracht, in denen ihre Überzeugungen und ihr Selbstbild angegriffen wurden. Ihre Reaktionen wurden gefilmt und ihnen später vorgespielt. Murray selbst beschrieb die Angriffe als heftig und persönlich herabsetzend.

Was war MKULTRA?

MKULTRA war ein Programm der CIA, das ab 1953 erforschte, wie sich menschliches Verhalten kontrollieren lässt, unter anderem mit Drogen, Hypnose und psychischer Destabilisierung. Nach Angaben vor dem US-Senat 1977 liefen 149 Teilprojekte an 80 Institutionen, darunter Universitäten, Krankenhäuser und Gefängnisse. Viele Versuchspersonen wussten nicht, worauf sie sich einließen, und ein Großteil der Akten wurde 1973 vernichtet. Ob Murrays Experiment dazugehörte, ist nicht belegt.

Was bedeutet zivilisiert?

Im engeren Sinn beschreibt Zivilisation einen Organisationsgrad: Schrift, Recht, Institutionen, Technik, Arbeitsteilung. Im Alltag schwingt fast immer eine moralische Bewertung mit, das Gefühl, das Wilde und Unbeherrschte hinter sich gelassen zu haben. Dieser Essay fragt, warum diese Bewertung so stabil bleibt, obwohl die Geschichte ihr fortwährend widerspricht.

Ist der Mensch von Natur aus böse?

Die Frage hat eine lange Tradition, von Thomas Hobbes bis zu Rutger Bregmans Gegenthese, der Mensch sei im Grunde gut. Aus der Perspektive dieses Textes führt sie in eine Sackgasse. Aggression gehört ebenso zur menschlichen Natur wie Bindung und Fürsorge. Welche dieser Möglichkeiten sich zeigt, hängt wesentlich von den Bedingungen ab, unter denen Menschen aufwachsen und leben.

Warum halten wir uns trotz aller Kriege für zivilisiert?

Die Selbstbeschreibung als zivilisiert ist erstaunlich unempfindlich gegen Gegenbeweise. Gewalt wird als Ausnahme, Einzelfall oder dunkles Kapitel eingeordnet, und der Begriff selbst bleibt unbeschädigt. Der Essay vermutet darin auch einen kollektiven Schutz vor Schuld und Scham.


Quellen

  • Project MKULTRA, the CIA’s Program of Research in Behavioral Modification. Joint Hearing before the Select Committee on Intelligence and the Subcommittee on Health and Scientific Research, U.S. Senate, 3. August 1977 (Aussage Stansfield Turner).
  • Alston Chase: Harvard and the Making of the Unabomber. The Atlantic Monthly, Juni 2000.
  • Theodore Kaczynski: Industrial Society and Its Future. Veröffentlicht in The Washington Post und The New York Times, 19. September 1995.
  • Sentencing Memorandum, United States v. Kaczynski, 1998 (Tagebuchauszüge, zitiert u. a. in CBS News, 4. Mai 1998).
  • Thomas Hobbes: Leviathan. 1651.
  • Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Rowohlt 2020.
  • IANS: US Congressional hearing examines CIA’s use of universities, hospitals, prisons. 5. Juli 2026.
  • Netflix: Unabomber (Regie: Janus Metz), 2026.

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Bild von Micha Madhava -

Micha Madhava -

traumasensibler Philosoph, Prozessbegleiter und Begründer der NEURO-Buddy-Methode. Er arbeitet an einem Strukturmodell der Entstehung innerer Realität an der Schnittstelle von Bindung, Nervensystem, Kultur und Technologie.

Seine Texte verbinden Nervensystemwissen, Beziehungserfahrung und philosophische Reflexion. Im Zentrum steht die Frage, wie innere Wirklichkeit entsteht — und was dadurch über Partnerschaft, Intimität, Selbstbeziehung, emotionale Muster und die Dynamiken unserer Kultur sichtbar wird.

Als Coach für NI neurosystemische Integration® und Teacher of the Learning Love Institute begleitet er Menschen dabei, ihre eigene Erlebnislogik, ihre Bindungsmuster und die Sprache ihres Nervensystems tiefer zu verstehen.

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