Das Wissen darüber, was ein Mensch braucht, ist längst da. Es kommt nur nirgends an.
Wir schicken Sonden zum Mars. Wir schreiben DNA um. Wir bauen gerade an etwas, von dem viele annehmen, es könnte in wenigen Jahren klüger sein als wir — und das bald mit unseren Kindern sprechen wird.
Und im Jahr 2000 musste in Deutschland in ein Gesetz geschrieben werden, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben.
Nicht 1900. Nicht 1950. Vor sechsundzwanzig Jahren.
Ich komme über diesen Satz nicht hinweg. Nicht weil das Gesetz falsch wäre — es war überfällig. Sondern weil es nötig war. Weil es bis zur Jahrtausendwende gedauert hat, bis der Satz, dass man Kinder nicht schlägt, gesellschaftlich verbindlich wurde. Das ist die unterste Stufe. Darunter kommt nichts mehr.
So sieht es aus, wenn etwas angekommen ist
Zum Vergleich eine Sache, die wirklich angekommen ist.
Niemand fasst heute eine offene Wunde an, ohne sich vorher die Hände zu waschen. Kein Arzt, keine Krankenschwester, kein Vater, der seinem Kind das Knie versorgt. Die meisten könnten nicht erklären, was dabei genau passiert. Sie wissen nichts über Keimübertragung, sie könnten keinen einzigen Erreger benennen. Sie tun es einfach.
Das ist der Zustand, den ich meine. Etwas ist so tief eingesickert, dass niemand mehr darüber diskutiert. Es steht in keinem Streitgespräch. Es hat keine zwei Seiten.
Auch das hat gedauert, und auch da war das Wissen lange vor der Selbstverständlichkeit da. Aber heute ist es da.
Beim Umgang mit einem schreienden Kind sind wir an dieser Stelle nicht.
Was gesichert ist, endet beim Überleben
Frag zehn Menschen, was ein Mensch zum Leben braucht. Du bekommst zehnmal dieselbe Antwort: Luft, Wasser, Essen, Wärme, ein Dach, keine Gewalt.
Das ist geklärt. Darüber gibt es Konsens, Gesetze, Institutionen, Hilfsorganisationen.
Und jetzt frag, was ein Mensch braucht, um zu gedeihen. Nicht um durchzukommen. Um sich zu entfalten, wach zu bleiben, in Kontakt zu sein, mit dem eigenen Leben etwas anfangen zu können.
Da wird es still. Und dann kommen Antworten, die auffällig oft wieder beim Messbaren landen: genug Schlaf, Bewegung, gesunde Ernährung, ein gutes soziales Umfeld. Was ein Leben tatsächlich trägt — Bindung, Nervensystem und die Architektur dahinter — kommt darin kaum vor.
Über das Überleben herrscht Einigkeit. Über alles darüber nicht.
Wir haben keine Vision vom Gelingen im Leben
Das ist keine Bildungslücke einzelner Menschen. Es gibt Angebote für Familien in belasteten Lagen, Hebammennachsorge, Familienzentren. Was es nicht gibt, ist ein Ort, der für alle vorgesehen ist.
Wer Auto fahren will, braucht Theorieunterricht, Fahrstunden und zwei Prüfungen. Wer angeln will, legt eine Prüfung ab. Wer beruflich mit Lebensmitteln umgeht, braucht eine dokumentierte Belehrung. Wer einen Kran bedient, wird zertifiziert.
Wer ein Kind bekommt, bekommt einen Geburtsvorbereitungskurs. Der endet mit der Geburt.
Danach kommt nichts. Kein Ort, an dem jemand erfährt, was in den ersten Monaten und Jahren tatsächlich geschieht. Nicht in der Schule. Nicht in der Ausbildung. Beim Kinderarzt geht es um Gewicht, Impfungen, Motorik, Sprachentwicklung.
Und es hört bei den Eltern nicht auf.
Wer heute Medizin studiert, verbringt sechs Jahre damit, den menschlichen Körper zu verstehen. Stoffwechselwege, Rezeptoren, Erregerklassen, tausende Differentialdiagnosen. Entwicklungspsychologie kommt darin vor. Bindungsentwicklung, frühe Regulation und die Folgen chronisch ausbleibender Antwort haben darin keinen eigenen Schwerpunkt.
Eine Institution, die den Menschen zum Gegenstand hat, sechs Jahre Zeit dafür — und selbst dort bleibt diese Dimension randständig.
Es gibt natürlich Ärztinnen und Ärzte, die darüber viel wissen. Sie wissen es nur nicht aus dem Studium. Sie haben es sich zusätzlich geholt, aus eigenem Antrieb, weil es sie interessiert hat.
Was den leeren Platz füllt
Im August 2019 unterschrieben 723 dänische Psychologen einen offenen Brief an einen Verlag. Es ging um ein Buch, das Eltern anleitet, ihr Kind in festgelegten Abständen weinen zu lassen, bis es aufhört. Drei Minuten, kurz hinein, nicht hochnehmen. Beim nächsten Mal fünf.
Der Verlag hatte erklärt, man habe Forscher konsultiert und sehe keinen Anlass, das Buch zurückzuziehen. Die Psychologen fragten zurück, welche Forscher und welche Studien.
Hier sprach keine Fachgesellschaft, keine staatliche Stelle, keine Leitlinie. Es waren siebenhundertdreiundzwanzig Einzelne, die einen offenen Brief organisiert haben.
Diese Antwort des Verlags war vermutlich nicht gelogen. Man kann Fachleute befragen und diese Auskunft bekommen. Das Wissen, um das es geht, ist im Regelbetrieb nicht verankert.
Wo nichts bereitsteht, füllt irgendetwas den Platz. Ein Ratgeber im Buchladen ist dann keine Meinung unter vielen. Er ist das Einzige, was da ist.
Und was er anweist, ist präzise beschreibbar: auf ein Notsignal nicht zu antworten. Das Erfolgskriterium ist, dass das Signal ausbleibt. Dabei entsteht Bewusstsein im Spiegel einer Antwort.
Ich halte das für eine Anleitung zur emotionalen Vernachlässigung. Das ist meine Position, und sie kommt aus dem, womit ich arbeite. Was daraus langfristig entsteht, ist eine andere Frage. Die Nicht-Antwort ist real. Und die Verantwortung liegt bei denen, die anleiten, nicht bei Eltern, die nachts um drei nach etwas greifen, das Ruhe verspricht.
Warum diese Anleitung überzeugt
Drei Uhr nachts, das dritte Mal. Hinter der Tür schreit ein Kind. Davor steht ein Mensch, der seit Wochen nicht durchgeschlafen hat und morgens wieder arbeiten muss.
Dieser Laut ist so gebaut, dass er durch einen Erwachsenen hindurchgeht. Er ist keine Mitteilung, die interpretiert werden müsste. Er wird unerträglich, damit jemand kommt. Das ist seine ganze Funktion.
Und er kann in diesem Erwachsenen die eigene Stelle treffen, an der einmal keine Antwort kam. Wer ihn hört und nichts tut, hält etwas aus, das in ihm selbst nicht abgeschlossen ist.
Darin liegt die Überzeugungskraft der Methode. Sie verspricht in erster Linie nicht, dass das Kind schläft. Sie verspricht, dass der Laut aufhört. Und er hört an zwei Orten auf: im Zimmer und in den Eltern.
Wenn er dann tatsächlich aufhört, ist eine einzige Sache gesichert. Er hat aufgehört. Im nächsten Satz wird daraus etwas anderes: Das Kind hat gelernt, sich selbst zu beruhigen. Dieser Schluss wäre erst zu zeigen. Das Verschwinden eines Signals ist nicht dasselbe wie die Entstehung der Fähigkeit, für die wir das Signal gehalten haben.
Die Ordnung, die daraus Vernunft macht
Wo eine Vorstellung von Gelingen fehlt, übernimmt das, was sich zählen lässt. Ich nenne das die Religion der Funktionalität: eine Ordnung, in der der Wert eines Zustands davon abhängt, ob er brauchbar ist.
Man sieht sie daran, was mit den Wörtern passiert. Müßiggang kann niemand mehr unironisch über sich selbst sagen. Die Pause heißt Recovery und rechtfertigt sich über die Leistung danach. Schlaf ist ein Leistungsfaktor geworden, mit Messgerät am Handgelenk. Was überlebt, überlebt als Funktion.
Und manchmal wird der Verlust selbst zum Ausweis.
Ich habe neulich ein Reel gesehen, einen Ausschnitt aus einem der größten Podcasts der Welt. Eine Frau setzt an mit: Die Wahrheit ist — man empfindet viel weniger Empathie, je weiter man selbst gekommen ist. Empathie erscheint darin als Belastung. Reife heißt, von ihr frei zu sein. Wer noch mitfühlt, ist demnach noch nicht so weit. Und die anderen sollen ihr Leben eben in den Griff bekommen.
Es gibt eine belastbare Fassung dieses Gedankens. Wer im Zustand eines anderen versinkt, wird handlungsunfähig. Erreichbar bleiben, ohne überflutet zu werden, ist eine echte Fähigkeit.
Die Trennlinie ist einfach. Die eine Haltung sagt: Ich bleibe erreichbar, ohne dass es mich mitreißt. Die andere sagt: Ich bin damit fertig, also bist du damit dran.
Die zweite erklärt das Nachlassen des Mitfühlens zur Tugend.
Etwa zur selben Zeit ist ein ganzes Buch darüber erschienen, dass Einstimmung zum Grundvollzug des Menschen gehört. Thomas Hübl hat es Attuned genannt. Gemeint ist die Fähigkeit, sich auf den Zustand eines anderen einzustimmen. Sie gehört zu dem, worin der Mensch am weitesten gegangen ist. Ohne sie gäbe es keine Sprache, keine Kultur und keine Kindheit, wie wir sie kennen.
Ein ganzes Buch, um daran zu erinnern. Und im selben Kulturraum läuft der Satz, dass man diese Fähigkeit besser hinter sich lässt, über eine der größten Bühnen der Welt und braucht keine einzige Begründung.
Was den Menschen ausmacht, läuft als spirituelle Randnotiz. Was ihn abschaltet, läuft im Hauptprogramm.
Ein Nervensystem liest das Feld, bevor jemand darüber nachdenkt. Resonanz ist ohnehin da. Was ausbleibt, ist die Einstimmung. Und ohne sie entsteht kein Vertrauen.
Übrigens gilt das auch für die Innenräume, in denen inzwischen viel über Nervensystem und Regulation gesprochen wird. Die Verben sind dieselben geblieben: eindämmen, steuern, managen, unter Kontrolle bringen. Das Nervensystem ist kein Bedienfeld — und die Anforderung an den Erwachsenen ist dieselbe wie an das Kind hinter der Tür. Beruhige dich selbst.
Bindung ist der Bauplan
Wenn Bindung als Wärme gilt, als Zuwendung, als das Weiche neben dem Wichtigen, dann ist das Schreien ein Verhaltensproblem. Dann ist die Frage, wie man es abstellt, vollkommen naheliegend.
Bindung ist aber der Vorgang, in dem ein Mensch entsteht. Die Fähigkeit, sich zu regulieren. Die Erwartung an die Welt. Die Schärfe der Wahrnehmung. Die Kapazität, Intensität zu verarbeiten. Das bildet sich in Antwortschleifen, millionenfach, in den ersten Jahren. Ein Kind signalisiert, jemand antwortet, und daraus wird Struktur. Für ein sich entwickelndes Nervensystem zählt dabei, was ankommt — der Kontext schlägt die Intention. Was in diesen Jahren entsteht, trägt bis in die Beziehungen des Erwachsenen.
Wer das ernst nimmt, für den verändert sich die Frage. Sie lautet dann nicht mehr, wie das Signal wegzubekommen ist, sondern was es beantwortet.
Für Nutztiere haben wir ein Wort dafür. Wie viel Platz, wie viel Licht, wie viel Sozialkontakt eine Art braucht, um nicht zu verkümmern — dafür gibt es Vorschriften, Studien und den Begriff artgerecht. Das Wort ist unangenehm, wenn man es auf Menschen anwendet. Unangenehm ist vor allem, dass wir es für uns selbst nicht haben.
Und dabei ist das Wissen da. Seit Jahrzehnten in der Bindungsforschung, seit Jahrhunderten in Traditionen, die vom Menschen einiges verstanden haben. Es liegt in Bibliotheken, in Studien, in Praxen. Niemand muss es erst finden.
Hartmut Rosa hat ein umfangreiches Werk darüber geschrieben, was eine gelingende Beziehung zur Welt ausmacht. Er wird viel gelesen, viel zitiert, hoch geehrt. Martin Buber hat vor über hundert Jahren beschrieben, dass ein Mensch erst in der Begegnung zu sich selbst wird. Der Text steht in Lehrplänen.
Zwei Namen aus dem deutschsprachigen Raum, und es wären mühelos zwanzig. Und trotzdem ist danach keine Schule gebaut worden, kein Arbeitsvertrag geschrieben und keine Leitlinie verfasst.
Es kommt nur nirgends an. Es gibt keinen Ort, an dem es weitergegeben wird, keine Institution, die es trägt, und kaum eine Kraft, die daran arbeiten würde, dass daraus ein geteiltes Verständnis wird. Vermutlich wissen mehr Menschen, wie man einen WLAN-Router einrichtet, als was in den ersten Lebensjahren eines Kindes tatsächlich geschieht. Und solange das so bleibt, ändert sich außen wenig.
Beim Händewaschen hat es funktioniert. Irgendwann war es einfach da, in jedem Menschen, ohne Diskussion, ohne dass man erklären könnte, warum.
Wir fliegen zum Mars. Wir schreiben Gene um. Wir bauen Maschinen, die denken sollen.
Und das, was wir über uns selbst wissen, hat es bis heute nicht in die Köpfe geschafft.
Führe deinen individuellen Dialog mit dem Leben.
Häufige Fragen
Waren Eltern, die Schlaftraining gemacht haben, schlechte Eltern?
Nein. Die Frage führt in die falsche Richtung. Wer erschöpft ist, keine Unterstützung hat und dem ein Verfahren empfohlen wird, entscheidet unter Bedingungen, die er sich nicht ausgesucht hat. Es gibt keinen Ort, an dem Eltern etwas anderes erfahren könnten. Verantwortung liegt bei denen, die anleiten.
Lernen Ärzte wirklich nichts über Entwicklungspsychologie?
Entwicklungspsychologie ist Teil der ärztlichen Ausbildung. Was darin keinen eigenen Schwerpunkt hat, sind Bindungsentwicklung, frühe Regulation und die Folgen chronisch ausbleibender Antwort. Viele Ärztinnen und Ärzte wissen darüber viel — sie haben es sich zusätzlich angeeignet.
Was ist der Unterschied zwischen Verhaltensänderung und Regulation?
Verhalten lässt sich beobachten, ein innerer Zustand nicht. Wenn ein Kind aufhört zu rufen, ist gesichert, dass es aufgehört hat zu rufen. Ob dabei die Fähigkeit entstanden ist, den eigenen Zustand zu modulieren, oder ob sich ein Organismus an das Ausbleiben von Antwort angepasst hat, bleibt offen. Von außen sehen beide Vorgänge gleich aus.
Was ist mit der Religion der Funktionalität gemeint?
Eine Ordnung, in der der Wert eines Zustands daran hängt, ob er brauchbar ist. Ihr Kennzeichen ist Selbstverständlichkeit: Jeder versteht sofort, was eine produktive Woche ist. Für die Frage, woran ein gelingendes Leben erkennbar wäre, gibt es kaum geteiltes Vokabular.
Was heißt hier Bindung genau?
Nicht Nähe im Sinne von Zuwendung, sondern die Struktur, die zwischen Kind und Bezugsperson entsteht, wenn auf Signale geantwortet wird. Aus diesen Schleifen bilden sich Regulationsfähigkeit, Erwartungen an die Welt und die Fähigkeit, Intensität zu verarbeiten. Bindung ist damit keine Zugabe zur Entwicklung. Sie ist ihre Voraussetzung.