Eine Mutter repariert zwei Stunden lang die Fahrräder ihrer Kinder, und ich sitze am Fenster und komme nicht weiter.
Mein Schreibtisch steht so, dass ich beim Aufschauen auf den Hauseingang gegenüber blicke. Das ist keine Entscheidung, das ist die Anordnung der Wohnung. Wenn ich vom Laptop hochsehe, sehe ich dorthin.
An diesem Nachmittag steht dort eine Frau mit zwei Fahrrädern. Verschiedene Größen, deutlich verschieden. Ein kleineres, ein größeres. Sie hat Werkzeug dabei. Sie fängt an.
Ich arbeite weiter.
Wo sind die Kinder?
Das ist die erste Frage. Sie kommt sofort, noch bevor ich irgendetwas darüber gedacht habe, was ich da eigentlich sehe. Ich schaue hoch, sehe zwei Kinderfahrräder und eine Erwachsene, die daran arbeitet, und im selben Moment ist die Frage da.
Nicht: Warum macht die das alleine. Nicht: Wo ist die Hilfe. Sondern buchstäblich das: Wo sind die zwei Menschen, denen diese Räder gehören.
Ich habe darauf keine Antwort. Ich habe sie den ganzen Nachmittag nicht bekommen.
Warum sollten sie überhaupt dabei sein?
Die Gegenfrage kommt schnell, und sie ist berechtigt.
Es gibt eine Menge Gründe, warum jemand zwei Kinderfahrräder repariert, während die Kinder woanders sind. Sie könnten bei Freunden sein. Bei den Großeltern. Im Training. Sie könnten gefragt worden sein und keine Lust gehabt haben. Es könnte schneller gehen ohne sie, was es mit ziemlicher Sicherheit tut. Es könnte der einzige ruhige Nachmittag der Woche sein. Es könnte ein Geschenk sein, eine Überraschung, morgen früh stehen die Räder da und fahren wieder.
All das ist plausibel. Ich weiß nichts von dieser Familie außer dem, was ich durch ein Fenster sehe, und das ist ungefähr so viel wie nichts.
Und trotzdem geht die Frage nicht weg. Sie steht neben meiner Arbeit und wartet.
Ich schaue wieder hoch. Das kleinere Rad liegt jetzt auf dem Kopf, Lenker und Sattel auf dem Pflaster. Sie hat das Hinterrad ausgebaut.
Warum springt das in mir sofort an?
Weil ich acht war und ein Fahrrad hatte, und dieses Fahrrad war das Wichtigste, was ich besaß.
Nicht als Verkehrsmittel. Als Besitz. Es war der erste Gegenstand in meinem Leben, über den ich wirklich verfügt habe. Und Verfügung hieß damals nicht, dass ich damit fahren durfte. Verfügung hieß, dass ich damit machen konnte, was ich wollte.
Wir haben Spielkarten mit Wäscheklammern an die Gabel geklemmt, so dass die Speichen beim Fahren dagegenschlugen und das Rad ein Geräusch machte. Wir haben die Rahmen bemalt. Wir haben Teile von anderen Rädern abgeschraubt, von Rädern, die irgendwo herumstanden, und an unsere montiert, weil das eigene besser aussehen sollte als das der anderen. Wir haben Sättel getauscht, Lenker verdreht, Klingeln umgebaut.
Und ja, wir haben auch Reifen geflickt. Aber das war keine eigene Kategorie. Das war einfach das, was man tat, wenn Luft rausging, so wie man ein Kettenglied wieder einhängte, wenn die Kette absprang. Es war Teil davon, dass dieses Ding einem gehörte.
Ich hätte mir mit acht nicht vorstellen können, dass jemand mein Fahrrad auseinandernimmt, während ich woanders bin. Nicht weil es verboten gewesen wäre. Weil ich gar nicht woanders hätte sein wollen.
Was war das eigentlich, was wir da gemacht haben?
Das ist die Frage, an der ich länger hängenbleibe.
Es ging nicht um Mechanik. Kaum eines der Kinder, mit denen ich damals unterwegs war, hätte erklären können, wie eine Felgenbremse funktioniert. Wir haben Dinge auseinandergenommen, ohne zu verstehen, was wir taten, und manchmal haben wir sie schlechter wieder zusammengesetzt, als sie vorher waren.
Genau das war der Punkt.
Wir hatten einen Gegenstand, an dem wir uns irren durften. Ein Stück Welt, das reagierte, wenn man daran arbeitete, und das keinen größeren Schaden anrichtete, wenn man es falsch machte. Man schraubte etwas fest, fuhr los, es funktionierte nicht, man schraubte anders. Das Rad antwortete auf das, was man tat, und die Antwort kam sofort und war eindeutig.
So entsteht ein Gefühl dafür, wie Dinge zusammenhängen und wie man auf sie einwirkt. Nicht durch Erklärung. Durch wiederholten Umgang mit einer Sache, die zurückmeldet. Diese Art von Wissen sitzt nicht im Kopf, sondern in den Händen, und sie überträgt sich auf alles Mögliche, was gar nichts mit Fahrrädern zu tun hat: die Erwartung, dass die Welt auf einen reagiert. Dass ein Problem eine Ursache hat und die Ursache auffindbar ist. Dass man ein Ding, das nicht geht, in die Hand nehmen kann.
Man könnte darin eine frühe Form von Kontextkompetenz sehen: dass man sich in einer Lage orientieren kann, weil man am eigenen Handeln erfahren hat, wie sie beschaffen ist.
Ein geflickter Reifen ist dabei fast nebensächlich.
Ich schaue wieder hoch. Der Mantel ist ab, sie sitzt auf der Treppenstufe und sucht das Loch. Es ist jetzt vielleicht eine Dreiviertelstunde her, seit sie angefangen hat.
Was lernen die Kinder gerade nicht?
Hier muss ich vorsichtig sein, weil ich das nicht weiß.
Ich weiß nicht, was diese beiden Kinder können. Es kann gut sein, dass sie beide einen Reifen flicken können und heute einfach keine Lust hatten. Es kann sein, dass sie letzte Woche dabeistanden. Es kann sein, dass sie ganz andere Dinge können, von denen ich nichts ahne.
Was ich sagen kann, ist etwas Kleineres: Zwei Meter vor dieser Haustür findet gerade etwas statt, und sie sind nicht dabei. Da arbeitet jemand zwei Stunden lang mit den Händen an einem Ding, das kaputt ist und danach wieder ganz sein wird. Da wird gesucht, gefunden, geflucht vermutlich, gewartet, bis der Kleber trocknet.
Das ist eine sehr gewöhnliche Erfahrung, und sie ist schwer zu ersetzen. Man kann sie nicht erzählen. Man kann sie auch nicht in einem Kurs herstellen. Sie besteht darin, danebenzustehen, während jemand etwas tut, das man selbst noch nicht kann, und dabei zu merken, dass es nicht magisch ist, sondern Handgriffe hat.
Das Fahrrad wird morgen früh fahren. Was es nicht haben wird, ist eine Geschichte, an der die beiden beteiligt waren.
Zu meiner Zeit unvorstellbar — oder?
Der Reflex ist da, und ich schreibe ihn hin, weil er ehrlich ist: So etwas hätte es damals nicht gegeben.
Und dann kommt sofort die Rückfrage.
Stimmt das? Oder erinnere ich nur die Fahrräder und habe die hundert anderen Dinge vergessen, die in meiner Kindheit erledigt wurden, ohne dass ich je mitbekommen habe, wie? Ich habe nie gesehen, wie eine Waschmaschine repariert wird. Ich habe nie gesehen, wie Rechnungen bezahlt werden, wie ein Termin beim Amt zustande kommt, wie ein Streit mit dem Nachbarn beigelegt wird. Das lief alles über meinem Kopf, und ich hätte nicht sagen können, wie es funktioniert.
Es ist gut möglich, dass in jeder Kindheit ungefähr gleich viel unsichtbar bleibt und sich nur verschiebt, was gerade sichtbar ist. Dass Kinder heute an anderen Gegenständen dieselbe Erfahrung machen, an Orten, an denen ich gar nicht hinschaue, weil ich Mitte fünfzig bin und meine Aufmerksamkeit dort hängt, wo sie damals war.
Ich kann das nicht entscheiden. Ich stelle nur fest, dass mein erster Gedanke der ältere war und die Rückfrage später kam.
Und wo ist der Vater?
Diese Frage tauchte ebenfalls auf, und sie ist mir unangenehmer.
Nicht weil eine Frau kein Fahrrad reparieren könnte — sie tut es offensichtlich. Sondern weil ich bemerke, dass ich sie überhaupt stelle. Da ist etwas in mir, das an dieser Stelle jemanden erwartet hat. Werkzeug, Öl, ein Rad auf dem Kopf, ein Kind daneben, und ein Mann, der zeigt, wie es geht.
Das ist meine Prägung, nicht die Realität dieser Familie. Es kann sein, dass es keinen Vater gibt. Es kann sein, dass er drinnen sitzt und arbeitet, so wie ich. Es kann sein, dass sie es einfach kann und er nicht, und dass das die vernünftigste Arbeitsteilung der Welt ist.
Was bleibt, ist eine Beobachtung über mich: Dass an dieser Stelle in meinem Kopf eine Figur steht, die dort nicht stehen muss. Und dass ich das erst gemerkt habe, als die Stelle leer war.
Ich schaue wieder hoch. Beide Räder stehen jetzt aufrecht. Sie stellt an einem der Sättel herum, hebt ihn ein Stück, prüft, senkt ihn wieder. Griffe hat sie irgendwann auch ersetzt, das habe ich zwischendurch gesehen.
Sind das die Antworten?
Nein.
Das sind meine Antworten auf Fragen, die ich mir an einem Nachmittag gestellt habe, während ich eigentlich arbeiten wollte. Sie kommen aus meiner Kindheit, aus meiner Arbeit, aus dem, worauf ich seit Jahren schaue. Jemand anderes sähe dieselbe Szene und dächte etwas völlig anderes, oder gar nichts.
Was ich für tragfähig halte, ist etwas Allgemeineres: Was ein Mensch entwickelt, hängt an den Bedingungen, unter denen er lebt. Potenzialentfaltung geschieht nicht dadurch, dass jemand sie herstellt. Sie geschieht dort, wo die Bedingungen dafür da sind — Zeit, ein Gegenstand, der einem wirklich gehört, und genug Spielraum, ihn schlechter zu machen.
Ob diese Bedingungen an diesem Nachmittag vor diesem Hauseingang da waren oder nicht, weiß ich nicht. Ich habe durch ein Fenster geschaut.