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Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein: was ich wollte, und was bei dir angekommen ist.

Du erzählst mir, wie etwas, das ich gesagt habe, bei dir angekommen ist. Und noch während du sprichst, bin ich schon nicht mehr bei dir. Ich bin bei mir. Bei dem, was ich eigentlich meinte. Bei dem, was ich sicher nicht wollte. „Aber so war das doch nicht gemeint.“ „Ich wollte dir doch nicht wehtun.“ Der Satz ist raus, bevor ich merke, dass ich gerade etwas verpasst habe: dich. Du hast mir wehgetan, sagst du. Nein, habe ich nicht, will ich sofort erwidern – noch bevor ich überhaupt gehört habe, was du eigentlich meinst.

Das ist ziemlich menschlich. Und es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was in diesem Moment eigentlich passiert.

Ein Ort, an dem das niemand automatisch kann

Ich komme gerade von einem jährlichen Skills-Training zurück (August 2026, in Italien), bei dem sich Menschen treffen, die Learning Love bereits praktizieren oder unterrichten, um ihre Fähigkeiten zu vertiefen. Die meisten dort sind seit Jahren, manche seit Jahrzehnten in Prozessbegleitung oder Arbeit mit Menschen. Diesmal ging es vor allem um Sharing – und um den heiklen Teil danach: Feedback.

Die Übung: Eine Person hält ein Sharing, manchmal zehn, fünfzehn Minuten. Nach einigen Minuten unterbricht sie und fragt die Gruppe: Könnt ihr mich noch spüren? Bin ich anwesend, wahrnehmbar? Später öffnet sich ein Raum, in dem aktiv um Feedback gebeten wird – wie es war, jemandem beim eigenen Erleben zuzusehen.

Was sich dabei zeigt, jedes Jahr wieder: Selbst Menschen, die diese Arbeit sehr gut verstehen, für die vieles davon längst selbstverständlich geworden ist, tun sich schwer, wenn es um Feedback geht. Geben wie Annehmen. Das ist keine Ausnahme. Es ist ein wahnsinnig sensibler Ort. Wir machen uns dabei verletzlich – und rutschen schneller in eine Bewertung oder eine Analyse des anderen, als wir merken. Dabei gehört gerade das zur Verabredung dieses Raums: dass im Sharing selbst nicht bewertet und nicht analysiert wird. Und manchmal ist es umgekehrt: Was beim anderen als Härte ankommt, war gar keine Bewertung – nur eine sehr klare Grenze. Klarheit fühlt sich in einem verletzlichen Moment oft schon wie Schärfe an, obwohl niemand angeklagt wurde.

Was jedes Mal neu zu beobachten ist: Die Auflösung kommt nie sofort. Aber wenn sie kommt, kommt sie leicht. Entspannt, ohne Anstrengung. Und zwar genau dann, wenn wir einfach die Realität des anderen annehmen. Wenn wir sagen: Ich kann jetzt sehen, wie meine Worte bei dir gelandet sind. Warum das für dich so schwierig war. Und es einfach so stehen lassen.

Auslösen ist nicht Verursachen

Genau hier liegt eine Unterscheidung, die alles verändert – und die selten gemacht wird.

Da ist zuerst unsere Intention. Das, was wir wollten, meinten, im Sinn hatten. Dann ist da unsere Handlung – das, was wir tatsächlich gesagt oder getan haben. Und dann ist da die Wirkung – das, was daraus beim anderen ankommt. Drei Glieder, keine zwei. Und eines der größten Probleme, warum Menschen einander nie wirklich nah kommen, ist genau das: bei der eigenen Intention zu bleiben und sich der Wirkung zu verschließen, die die eigene Handlung tatsächlich hatte.

Wenn uns jemand erzählt, dass unsere Worte Schmerz ausgelöst haben, fühlt sich das meistens so an, als hätten wir diesen Schmerz zugefügt. Als wären wir der Ursprung davon. Als würde aus dem, was wir gesagt haben, direkt das folgen, was jetzt im anderen ist. Das fühlt sich furchtbar an – und genau deshalb kommen wir so schnell zur Verteidigung unserer Intention. Nicht, weil wir den anderen nicht ernst nehmen. Sondern weil es schmerzt, festzustellen, dass unsere Worte in ihm etwas Schmerzhaftes berührt haben. Scham macht aus einer Wirkung schnell eine Anklage – und dann verteidigen wir uns gegen etwas, das gar nicht angeklagt hat.

Aber das ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht: Unsere Handlung kann etwas auslösen – ohne dass wir der Verursacher dessen sind, was daraus im anderen wird. Was in ihm entsteht, wenn unsere Worte ihn treffen, trägt seine ganze Geschichte, seine eigene Erlebnislogik – wie sich für ihn eine Situation zusammensetzt aus dem, was ankommt, und dem, was er selbst mitbringt. Das ist nicht automatisch unsere Verantwortung. Es ist seine Realität, die wir anerkennen können, ohne sie erklärt oder aufgelöst zu haben.

Und das lässt sich nicht pauschal beantworten – es will jedes Mal neu angeschaut werden, auch im Sharing selbst: Haben wir hier etwas ausgelöst, oder haben wir etwas verursacht? Wir können ein völlig neutrales Feedback geben, und es kann beim anderen trotzdem Schmerz auslösen – weil es auf etwas in seiner Geschichte trifft, mit dem unsere Worte nichts zu tun haben. Das ist Auslösen. Wir können aber auch ein Feedback geben, das eine Bewertung oder eine Analyse des anderen ist – vielleicht ganz ohne böse Absicht, vielleicht sogar gut gemeint. Trotzdem war das innerhalb der Vereinbarung, in der wir uns bewegen, nicht zulässig. Das ist etwas anderes. Das ist verursacht.

Dieser Unterschied ist keiner, den wir irgendwo mitbekommen haben. Meistens haben unsere Bezugspersonen selbst nie zwischen Auslösen und Verursachen unterschieden. Wenn jemand etwas sagt, das in uns Schmerz auslöst, dann ist er dafür verantwortlich – so haben viele von uns es gelernt, ohne dass es je so ausgesprochen wurde. Kein Wunder, dass wir uns sofort rechtfertigen, sobald uns jemand eine Wirkung zeigt, noch bevor wir überhaupt geprüft haben, ob an dem Vorwurf, den wir gerade hören, etwas dran ist. Wir haben gelernt, dass wir die Ursache sind.

Entschuldigung ist nicht Anerkennung

„Es tut mir leid, aber ich wollte doch nur…“ – das ist eine Entschuldigung. Und sie führt fast immer zurück zur eigenen Intention. Sie klingt nach Zuwendung, ist aber oft schon wieder Rechtfertigung im freundlichen Gewand. Manchmal ist es sogar umgekehrt: Wir wissen, dass wir jemanden verletzt haben, und schaffen es trotzdem nicht, uns wirklich zu entschuldigen – weil jede Entschuldigung uns wieder zu unserer eigenen Absicht zurückzieht, statt beim anderen zu bleiben.

Anerkennung ist etwas anderes. Anerkennung heißt: den Schmerz stehen lassen, ohne ihn sofort wegzuerklären. Ohne sich zu entschuldigen. Und trotzdem – wo es stimmt – die eigene Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen zu können. Denn es kann sein, dass wir aus unserem eigenen Schmerz heraus dem anderen gegenüber unangemessen reagiert haben. Das dürfen wir benennen, das ist unsere Verantwortung. Aber es ist etwas anderes als die Verantwortung für das, was im anderen daraus geworden ist.

Beides gehört zusammen, und beides ist getrennt: Deine Worte haben diesen Schmerz in mir berührt, und es ist gerade ganz fürchterlich. Möglicherweise habe ich aus diesem Schmerz heraus dir gegenüber unangemessen reagiert. Das eine ist deine Realität. Das andere ist meine.

Warum das so viel mit Nähe zu tun hat

Sich gesehen zu fühlen bedeutet nicht, dass der andere zustimmt, dass er recht hatte oder unrecht. Es bedeutet, dass unsere Wirkung nicht gegen seine Absicht verrechnet wird. Dass er einfach bei uns bleibt, während wir zeigen, was in uns passiert ist – ohne dass er sofort erklärt, warum es eigentlich nicht so gemeint war.

Das ist ein ganz eigener Ort von Intimität. Nicht der Ort, an dem alles geklärt ist. Sondern der Ort, an dem beide Realitäten nebeneinander stehen dürfen, ohne dass eine die andere verdrängen muss.

Übung, nicht Wissen

Das lässt sich nicht auf einem Meditationskissen lernen. Nicht in einem Buch. Nicht in unzähligen Videos, die versprechen, wie man „richtig“ kommuniziert. Und auch nicht durch diesen Text, den du gerade liest.

Selbst Menschen, die diese Unterscheidung seit Jahren kennen und lehren, tun sich in dem Moment schwer, in dem sie gebraucht wird. Das ist keine Ausnahme, das ist die Regel. Es bleibt Übung. Übung. Übung.

Führe deinen individuellen Dialog mit dem Leben.

 

 

FAQ

1. Was ist ein Sharing?

Ein Sharing ist eine Form des persönlichen Austauschs, bei der ein Mensch beschreibt, was er gerade fühlt, wahrnimmt und innerlich erlebt. Anders als in einem normalen Gespräch geht es beim Sharing zunächst nicht um Ratschläge, Bewertungen oder Lösungen. Die anderen hören zu und geben dem persönlichen Erleben Raum.

2. Was ist der Unterschied zwischen Sharing und Feedback?

Beim Sharing spricht eine Person über ihr eigenes Erleben. Feedback beschreibt dagegen, wie etwas bei einem anderen Menschen angekommen ist. Gutes Feedback bleibt möglichst bei der eigenen Wahrnehmung und vermeidet es, den anderen zu analysieren, zu diagnostizieren oder seine Motive zu erklären.

3. Was ist der Unterschied zwischen Intention und Wirkung?

Die Intention beschreibt, was ich mit meinen Worten oder meinem Verhalten beabsichtigt habe. Die Wirkungbeschreibt, was tatsächlich beim anderen angekommen ist. In Beziehungen entstehen Konflikte häufig dann, wenn wir unsere gute Absicht gegen die Wirkung unserer Worte stellen: „Aber ich wollte doch nur …“

4. Bin ich verantwortlich, wenn meine Worte jemanden verletzen?

Ich bin für meine Worte und mein Verhalten verantwortlich, aber nicht automatisch für alles, was dadurch im anderen ausgelöst wird. Worte können alte Verletzungen, Ängste oder Scham berühren. Deshalb ist es hilfreich, zwischen Auslösen und Verursachen zu unterscheiden und gleichzeitig die Wirkung des eigenen Verhaltens ernst zu nehmen.

5. Wie gehe ich damit um, wenn ich jemanden verletzt habe?

Wenn jemand sagt, dass meine Worte ihn verletzt haben, könnte ein erster Schritt sein, die Wirkung anzuerkennen, bevor ich meine Absicht erkläre. Statt sofort „Das war nicht so gemeint“ zu sagen, kann ich zunächst verstehen, wie meine Worte beim anderen angekommen sind. Anerkennung bedeutet dabei nicht automatisch Zustimmung oder Schuld.

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Bild von Micha Madhava -

Micha Madhava -

traumasensibler Philosoph, Prozessbegleiter und Begründer der NEURO-Buddy-Methode. Er arbeitet an einem Strukturmodell der Entstehung innerer Realität an der Schnittstelle von Bindung, Nervensystem, Kultur und Technologie.

Seine Texte verbinden Nervensystemwissen, Beziehungserfahrung und philosophische Reflexion. Im Zentrum steht die Frage, wie innere Wirklichkeit entsteht — und was dadurch über Partnerschaft, Intimität, Selbstbeziehung, emotionale Muster und die Dynamiken unserer Kultur sichtbar wird.

Als Coach für NI neurosystemische Integration® und Teacher of the Learning Love Institute begleitet er Menschen dabei, ihre eigene Erlebnislogik, ihre Bindungsmuster und die Sprache ihres Nervensystems tiefer zu verstehen.

Liebe ist das Design.
Das Nervensystem ist die Sprache.
Resonanz die Orientierung.

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