Über Willkür, Kohärenz und die Einsamkeit im Dazwischen.
Was jetzt kommt, ist beides gleichzeitig. Eine Struktur, beschrieben mit der fachlichen Genauigkeit, die mir zur Verfügung steht. Und eine Innenschau auf Anteile, die nicht integriert sind. Ich kann das eine nicht vom anderen trennen, und ich habe es auch nicht versucht. Das ist das Dilemma meines Lebens: Wenn ich die Struktur zeige, klingt es nach Analyse. Wenn ich vom Erleben spreche, klingt es nach Betroffenheit. Es ist immer beides.
Und beides ist auch in mir. Da ist einer, der das hier präzise beschreiben kann und die Dynamik sofort erkennt. Und da ist einer, der manchmal im Selbstmitleid versinkt. Die sind nicht nacheinander da. Sie sind gleichzeitig da.
Alles, was ich schreibe, ist auch ein Stück Selbsterkenntnis. Ein Verarbeiten. Schreiben ist meine Medizin — es bringt Ordnung gegen die Willkür.
Und ich weiß, dass es Menschen gibt, denen es ähnlich geht und die keine Sprache dafür haben. Für die ist dieser Text geschrieben. Möglicherweise bist du das.
Er ist wahrscheinlich die größte Gratwanderung, die ich wagen kann.
Willkür ist kein Fundament
Es gibt eine Erfahrung, die schwer zu beschreiben ist, solange man sie für normal hält.
Man tut etwas, und es kommt eine Reaktion. Am nächsten Tag tut man dasselbe, und es kommt eine völlig andere. Gestern war es in Ordnung, heute ist es der Weltuntergang. Gestern wurde es nicht bemerkt, heute ist es eine brachiale Gewaltexplosion.
Und man versucht, den Unterschied zu finden, weil es einen geben muss. Man geht die Umstände durch, den Tonfall, die Uhrzeit, den eigenen Gesichtsausdruck. Man baut Hypothesen und verwirft sie. Man wird ziemlich gut in dieser Sucherei, weil sie nie aufhört.
Es gibt keinen verlässlichen Abgleich zwischen Handlung und Reaktion. Auf der Reaktionsskala ist alles möglich, einfach alles. Das bedeutet: Jede Handlung kann maximale Intensität mit sich bringen. Jede. Und man versucht vergeblich herauszufinden, wie sich das vermeiden lässt.
Willkür ist das Gegenteil von einem Fundament. Sie ist ein Sumpf. Man weiß nicht, bei welchem Schritt man einsinkt. Und wenn Gewalt dazugehört, kommt die Befürchtung dazu, dass jedes Einsinken das letzte gewesen sein könnte.
Mein Zuhause war ein Sumpf aus Gewalt und Psychoterror. Ein Spießrutenlauf, in dem ich versucht habe, beides zu vermeiden, ohne je herauszufinden, wie.
Es ist eine sehr perfide Form von Abwesenheit emotionaler Sicherheit.
Das ist keine Unordnung. Unordnung wäre anstrengend, aber lesbar. In einem unordentlichen Feld dauert es länger, bis man weiß, woran man ist, doch am Ende weiß man es. Was ich beschreibe, ist etwas anderes: Das Gelesene gilt nicht. Man kann lesen, so genau man will, und die Lesung wird nicht bestätigt. Sie wird auch nicht widerlegt. Sie wird einfach nicht eingelöst.
Für einen Körper, der gerade dabei ist, sich in der Welt zu orientieren, hat das Folgen. Kontextkompetenz — die Fähigkeit, zu erfassen, in welcher Lage man sich befindet und was diese Lage bedeutet — bildet sich an einem Feld aus, das antwortet. Sie braucht Rückmeldung. Wo diese Rückmeldung nicht verlässlich ist, entsteht sie trotzdem, aber sie entsteht an nichts. Der Kontext muss dann selbst hergestellt werden. Und der Kontext, der unter diesen Bedingungen am ehesten verfügbar ist, ist der, der die Erwachsenen entlastet und das Kind belastet: Es liegt an mir. Ich habe etwas falsch gemacht. Ich muss besser aufpassen.
Das ist keine Erklärung dafür, wie Menschen werden. Ich kann nicht sagen, dass Willkür bestimmte Menschen hervorbringt, und ich weiß auch nicht, wie viele Menschen das kennen. Ich kann nur sagen, dass ich es von dort kenne. Und dass die Anstrengung deshalb nicht aufhörte: Sie kam nie zu einem Ergebnis.
Es musste mir nicht gefallen. Es musste verlässlich sein.
Als es zu Hause nicht mehr ging, kam ich in eine therapeutische Wohngruppe. Das war damals ein Pilotprojekt, und ich hatte Glück, überhaupt dort zu landen.
Was ich dort bekam, habe ich erst viel später verstanden. Es waren sechs oder acht Menschen, die für uns zuständig waren. Es gab einen Regelkatalog, der schriftlich existierte und für alle galt. Und es gab eine Ethik, die durch die Ausbildung dieser Menschen getragen war — mit den Unterschieden, die Menschen eben haben, aber im Grundsätzlichen deckungsgleich. Was der eine für in Ordnung hielt, hielt die andere auch für in Ordnung. Und wenn sie es nicht taten, ließ sich das benennen.
Vieles davon hat mir nicht gefallen. Es gab Regeln, die ich für Unsinn hielt, und ich habe das auch gesagt. Es gab Menschen dort, mit denen ich nicht warm wurde. Es war nicht schön.
Und das war die Sicherheit. Man wusste, woran man war. Man konnte im Voraus sagen, was passieren würde, wenn man dies oder jenes tat, und dann passierte es. Die Lesung wurde eingelöst. Nichts an dieser Erfahrung hatte mit Zuwendung zu tun, mit Verständnis oder mit dem Gefühl, gemocht zu werden. Sie hatte damit zu tun, dass das Feld lesbar war.
Die Wohngruppe hatte ein Fundament. Mein Zuhause hatte keins.
Der Körper stellt Kohärenz immer her
Damit wäre man beim Wort, um das es hier geht, und es ist nicht so einfach, wie es zunächst aussieht.
Kohärenz ist keine Errungenschaft. Sie ist kein Zustand, den man erreicht, wenn genug bearbeitet ist. Ein Körper stellt sie unter allen Umständen her, weil er sonst nicht orientierungsfähig bliebe. Auch dort, wo die Bedingungen unmöglich sind, entsteht eine stimmige Lesart — sie muss nur mehr aussparen. Ein Kind, das Bedürftigkeit als Liebe einschreibt, hat einen vollständig kohärenten Vorgang vollzogen. Es passt zusammen. Es hält.
Schutzkohärenz ist Kohärenz. Das ist wichtig, weil man sonst denkt, es gäbe stimmige und unstimmige Menschen. Gibt es nicht. Es gibt Kohärenz, die nur hält, solange etwas nicht vorkommen darf — und Kohärenz, die nichts aussparen muss.
Die erste ist teuer. Was verleugnet werden muss, verschwindet ja nicht. Es wirkt weiter, nur aus dem Verborgenen, und es muss dabei fortlaufend in Schach gehalten werden. Diese Arbeit hört nicht auf. Sie bindet genau die Kapazität, die sonst zur Verfügung stünde, um auf das zu antworten, was gerade tatsächlich da ist. Der Preis der Schutzkohärenz ist Antwortspielraum.
Was mich entspannt, ist deshalb nicht Kohärenz an sich. Es ist eine Kohärenz, in der nichts Wesentliches mehr ausgeschlossen werden muss. Sie beendet die Arbeit.
Was sie nicht ist: eine geschlossene Geschichte. Sie verlangt nicht, dass alles einen Sinn ergibt. Sie kann bedeuten, dass zwei Dinge nebeneinander stehen bleiben, die nicht zueinander passen, und dass ich sie beide sehen darf. Ich muss nicht wissen, warum es so ist. Ich muss wahrnehmen dürfen, dass es so ist.
Drei Schichten in einer Fähigkeit
Ich lese Dynamiken. Ich sehe in Gesprächen, was zwischen den Beteiligten passiert, oft schneller, als mir lieb ist. Das ist meine Arbeit geworden, mein Denken, alles, was ich schreibe.
Drei Dinge fallen darin zusammen. Es gab eine Begabung, Muster zu erkennen — sie zeigt sich überall, nicht nur bei Menschen, und sie war vor allem anderen da. Es gab eine Notwendigkeit, die diese Begabung früh in eine Richtung gezwungen hat: Wer lesen musste, weil die Lage sonst nicht zu bestehen war, hat sich das nicht ausgesucht. Und es gab Jahrzehnte Arbeit, in denen daraus eine ausgebildete Fachlichkeit wurde, mit Begriffen, Unterscheidungen und Prüfwegen.
Keine dieser Schichten hebt die anderen auf. Die Fähigkeit ist keine bloße Traumafolge, kein bloßes Talent und kein bloß Erlerntes. Sie ist alles drei zugleich, und deshalb ist sie so schwer einzuordnen — für andere und für mich.
Was daraus folgt, geht in beide Richtungen. Ich nehme in Gesprächen oft eine Ebene wahr, die dort noch nicht als eigener Gegenstand vorkommt. Und ich bin zugleich stärker darauf angewiesen, dass der Raum lesbar bleibt. Dieselbe Wurzel.
Das heißt nicht, dass ich richtig liege. Eine Fähigkeit, die aus Not entstanden ist, liest manchmal auch dort etwas, wo nichts ist — und sie kann selbst zu dem werden, wovor sie schützen sollte. Darauf komme ich zurück.
Subjektivität ist das Objektive an der Sache
Alles, was ich mache, läuft auf Lesbarkeit hinaus. Es geht mir darum, dass sichtbar wird, was tatsächlich vorgeht — frei von Deutungshoheit, und zugleich unter voller Anerkennung dessen, dass jede Wahrnehmung subjektiv ist.
Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber keiner. Dass ein Mensch die Welt durch seine eigene Ordnung liest, ist keine Meinung. Es ist der Befund. Die Subjektivität ist das Objektive an der Sache. Wer sie leugnet, liest falsch. Wer sie zur Beliebigkeit erklärt, liest ebenfalls falsch.
Deutungshoheit ist deshalb nicht wegen ihrer Subjektivität ein Problem. Sie ist eins, weil sie ihre eigene Subjektivität für die Wirklichkeit ausgibt und damit die Subjektivität aller anderen aus dem Feld nimmt. Strukturell ist das mit Willkür verwandt, nur von der anderen Seite: Willkür macht das Feld unlesbar, weil keine Signatur gilt. Deutungshoheit macht es unlesbar, weil nur eine gilt.
Wenn jemand sagt: Das ist ein Übergriff
Es gibt einen Moment, in dem ich mich jedes Mal entspanne. Wenn jemand mit Erfahrung und Gewicht sagt: Dieses Verhalten ist invasiv. Nicht: Ich finde das schwierig. Sondern: Das ist ein Übergriff.
Krishnananda und Amana können das. Sie sagen solche Sätze ohne Umschweife, und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum mich das so erleichtert. Es hat nichts damit zu tun, recht zu bekommen. Es hat damit zu tun, dass meine Wahrnehmung aufhört, Privatsache zu sein.
Der Unterschied liegt in der Sprache. »Das verletzt mich« ist eine Aussage über mein Erleben, und die ist nicht verhandelbar. Nur bleibt sie allein bei mir. Jemand kann finden, ich sei zu empfindlich — damit hat er mein Erleben nicht widerlegt, sondern meine Reaktion bewertet, und wir stehen wieder nebeneinander statt vor derselben Sache. »Hier wird eine Grenze überschritten« benennt einen Vorgang zwischen zwei Menschen. Das ist nicht unbezweifelbar. Aber es hat einen Gegenstand, den beide anschauen können.
Ein Bezugsrahmen macht das Dazwischen sichtbar. Er verwandelt mein Erleben in etwas, worüber gesprochen werden kann, ohne dass ich der einzige Zeuge bin.
Zuhören, ohne sich zu verlieren
Man könnte denken, das alles laufe auf Rückzug hinaus: Wenn ich in mir stimmig bin, brauche ich niemanden. Das Gegenteil ist der Fall.
Wenn ich innen nicht benennen kann, was gerade wirkt, brauche ich die Bestätigung des anderen, um zu wissen, was ist. Dann wird er zur Instanz über meine Wirklichkeit. Und ich verliere mich genau in dem Moment, in dem ich mich ihm zuwende — weil die Zuwendung dann keine Begegnung mehr ist, sondern ein Antrag.
Erst wenn ich weiß, dass mein Erleben stattfindet, kann ich zuhören, ohne dass Zuhören Selbstaufgabe bedeutet. Erst dann kann ich deine Sicht wirklich aufnehmen, sie ernst nehmen, mich davon bewegen lassen — und trotzdem noch da sein.
Das ist der schwierige Tanz: in einem Meer subjektiver Wahrnehmungen zu schwimmen, ohne sich darin zu verlieren. Zwei Wirklichkeiten, die nebeneinander bestehen, weil keine die andere braucht, um zu gelten.
Wenn Erleben beweispflichtig wird
Und dann gibt es die Gespräche, nach denen man leer ist.
Sie sind nicht laut. Oft sind sie sogar freundlich. Man geht hinein mit etwas, das man sagen möchte, und kommt heraus, ohne sagen zu können, was eigentlich passiert ist. Nur dass man erschöpft ist und dass sich nichts bewegt hat.
Was dort passiert, hat eine Struktur, und sie beginnt hier: Wo jemand seine Lesart als die Wirklichkeit behandelt, wird mein Erleben beweispflichtig. Es gilt erst, wenn er es bestätigt. Ich kann es nicht einfach haben — ich muss es verteidigen. Und damit ist es schon nicht mehr das, was es war. Aus Wahrnehmung wird Position. Aus Erleben wird Argument. Ich stehe auf einem Feld und spiele um Anerkennung, statt schlicht zu wissen, was ich wahrnehme.
Für mich fühlt sich das an wie etwas sehr Altes.
Wenn Reaktion die Wirkung überdeckt
Der Versuch, das zu benennen, führt nicht heraus. Er führt tiefer hinein.
Ich sage: Bei mir kommt gerade nur Bewertung an, das kann ich so nicht hören. Das ist eine Aussage über eine Wirkung. Was zurückkommt, ist eine Auskunft über meine Reaktion: dass ich gekränkt sei, dass ich Kritik schwer annehmen könne, dass hier etwas Altes bei mir angerührt sei.
Das ist der Vorgang, um den sich alles dreht. Wirkung sagt: Das, was du getan hast, ist bei mir so angekommen. Reaktion sagt: So antwortest du darauf. Wo nur die Reaktion behandelt wird, wird meine Antwort zur Sache — und das, worauf sie antwortete, kommt nicht mehr vor.
Und der Versuch, genau das zu benennen, ist selbst wieder eine Reaktion. Er wird als solche gelesen und liefert neues Material für dieselbe Lesart. Ich bin dann nicht nur beweispflichtig für mein Erleben, sondern auch für die Beobachtung, dass ich beweispflichtig gemacht werde.
Das ist der einsame Ort. Nicht das Nichtverstandenwerden — das wäre auszuhalten. Sondern dass die Bewegung, die aus der Lage herausführen würde, selbst wieder in die Lage hineinführt.
Jede Handlung hat zwei Hälften
Man könnte meinen, in solchen Gesprächen sei die Handlung verschwunden. Das stimmt nicht. Sie ist da. Sie ist nur halb.
Jede Handlung hat eine Intention und eine Wirkung. Immer, ohne Ausnahme, ob mir die Intention bewusst ist oder nicht. Beides gehört zur Handlung — sie ist ohne beides nicht vollständig beschrieben. Was ich wollte, ist die eine Hälfte. Was angekommen ist, ist die andere. Die zweite Hälfte liegt in einem anderen Menschen und ist von mir aus nicht einsehbar.
Wo eine Handlung nur über ihre Intention definiert wird, wird sie also nicht geleugnet. Sie gilt bereits als beschrieben. Ich weiß, was ich wollte, und halte das für die vollständige Auskunft darüber, was ich getan habe.
Damit ist Reparatur ohne Gegenstand. Repair setzt an der Wirkungsseite an: Etwas ist angekommen, das ich nicht wollte, und ich nehme das auf. Wenn die Wirkungsseite gar nicht zur Handlung gehört, gibt es nichts aufzunehmen. Es fehlt nicht der gute Wille. Es fehlt die Hälfte, an der guter Wille ansetzen könnte.
Und wer überzeugt ist, dass seine Intention keine andere Wirkung zulässt, macht kein Beziehungsangebot. Es ist schlicht keins. Ein Beziehungsangebot bräuchte die offene Hälfte: dass ich nicht weiß, was angekommen ist, und dass ich es nur von dir erfahren kann. Wer diese Hälfte für beantwortet hält, teilt mit, statt sich auszusetzen.
Deshalb hört die Erschöpfung nicht auf. Die Verletzung bleibt offen, weil sie nie in die gemeinsame Wirklichkeit aufgenommen wurde.
Die Arbeit am Raum liegt bei einem
Dazu kommt etwas, das man erst bemerkt, wenn man es einmal gezählt hat.
Bevor über irgendetwas gesprochen werden kann, muss der Raum gebaut werden, in dem Sprechen möglich wäre. Jemand muss die Ebene herstellen. Jemand muss erklären, worum es überhaupt geht, bevor es zur Sache gehen kann. Und diese Arbeit liegt dauerhaft bei einem — jedes Mal neu, weil der Raum nicht bestehen bleibt.
Zwei Rollen gleichzeitig also: beteiligt sein und die Statik halten. Warum das so verteilt ist, spielt für die Lage keine Rolle. Die Arbeit ist so verteilt, wie sie verteilt ist.
Das Erschöpfende ist deshalb nicht die Auseinandersetzung. Es ist die Vorarbeit, die nie zu Ende geht.
Statik zu benennen ist selbst ein Zug im Spiel
Und hier schließt sich die Sache.
Der Versuch, den Raum zu bauen, wird als Zug innerhalb des Raums gelesen, den er erst herstellen soll. Ich sage etwas über die Ebene — und es kommt an als Position auf der Ebene. Als Anspruch. Als jemand, der bestimmen will, was gilt.
Das ist kein Missverständnis, das sich klären ließe. Auf der Ebene, auf der gerade gelesen wird, existiert die Unterscheidung zwischen Statik und Zug nicht. Dort gibt es nur Züge. Wer über den Raum spricht, spricht dort im Raum.
Dazu kommt: Wo Nichtverstehen nicht neutral ist, sondern beschämend, kann ein Hinweis auf die Ebene nur als Herabsetzung ankommen. Nicht wegen seines Inhalts. Weil er die Asymmetrie sichtbar macht, um die es gerade geht.
Und dann tritt die Sache ein, die ich am längsten gebraucht habe, um sie zu verstehen. Klarheit und Schärfe sind zweierlei. Klar ist ein Satz, der benennt, was geht und was nicht. Scharf ist ein Satz, der anklagt. Für ein Gegenüber, das Nichtverstehen als Beschämung erlebt, sieht Klarheit aus wie Schärfe — und in der Erzählung, die danach entsteht, ist sie es dann auch.
Was in dieser Erzählung verschwindet, ist die Mitte. Was tatsächlich gesagt wurde, in welcher Form, mit welcher Wirkung, und was daraufhin benannt wurde. Übrig bleiben Anfang und Ende: gute Absicht, und dann diese Reaktion. Der Weg dazwischen ist gekürzt.
Wenn Beschreiben zum Zugriff wird
Und dann steht eine Ressource im Raum, die ihr Potenzial nicht ausspielen kann. Den Raum lesen zu können hat mich durch ein Feld gebracht, das nicht lesbar war, und es ist bis heute das Beste, was ich in Gespräche mitbringe. Dieselbe Bewegung sieht dort aus wie jemand, der über der Sache steht. Es fühlt sich dann an, als richte sie sich gegen mich.
Und es gibt hier tatsächlich ein Gefälle. Ich nehme in solchen Momenten eine Ebene wahr, die im Gespräch noch nicht als eigener Gegenstand vorkommt. Das ist keine Einbildung, und es lässt sich auch nicht durch bessere Argumente ausgleichen. Es besteht nicht darin, dass meine Wirklichkeit mehr gilt. Es besteht darin, dass ich etwas beschreiben kann, wofür im Feld gerade keine Sprache verfügbar ist.
Daraus folgt Verantwortung. Wer die Struktur benennen kann, verfügt über einen Bezugsrahmen, den der andere möglicherweise nicht hat, und das ist eine Form von Macht. Sie verlangt von mir nicht, die eigene Wahrnehmung zurückzunehmen. Sie verlangt, sie nicht in Deutungshoheit über das Innen des anderen zu verwandeln.
Es sind verschiedene Gegenstände. Deutungshoheit greift nach dem Innen des anderen — sie sagt ihm, wie seine Wirklichkeit aussieht. Statik beschreibt das Dazwischen. Ich möchte nicht bestimmen, wie es dir geht. Ich möchte benennen, was zwischen uns gerade passiert.
Nur bekommt das Dazwischen in solchen Gesprächen keinen gemeinsamen Status als Gegenstand. Es gibt dann meine Sicht und deine, sonst nichts. Und wer unter dieser Bedingung etwas über das Dazwischen sagt, kann kaum anders ankommen, als sage er etwas über den anderen.
Und auch das kippt manchmal. Wer Dynamiken lesen und benennen kann, verfügt über die Möglichkeit, aus Beschreibung Deutungshoheit zu machen. Ich habe das viele Jahre getan, oft ohne es zu merken. Heute versuche ich, diese Bewegung so früh wie möglich einzufangen. Ob mir das gelingt, kann ich nicht allein beurteilen.
Mein Gegenüber kann mir sagen, wenn meine Sprache bei ihm als Zugriff auf seine innere Wirklichkeit ankommt. Diese Wirkung gehört in den gemeinsamen Raum. Sie ist damit noch nicht der Beweis, dass seine Lesart meiner Handlung die einzig gültige ist — auch der Vorwurf der Deutungshoheit kann selbst zur Deutungshoheit werden. Dort beginnt dieselbe Arbeit von vorn.
Für mich gilt hier, was überall in diesem Text gilt: Meine Intention entlastet mich nicht von der Wirkung. Und die Verantwortung, die mit der Asymmetrie kommt, besteht darin, die eigene Lesart korrigierbar zu halten. Genau dort verläuft die Grenze zwischen Fachlichkeit und Deutungshoheit.
Es ist erstaunlich, wie unsichtbar diese Unterscheidung ist. Ich stecke seit Jahrzehnten darin und habe sie erst vor kurzem als Prinzip verstanden.
Zwei Verluste, derselbe Ort
Damit bleibt die Wahl zwischen zwei Verlusten. Schweigen und die Dynamik weiterlaufen lassen. Oder sprechen und als der dastehen, der bestimmen will, was gilt.
Beides kostet denselben Ort.
Wenn ich ein Grunddilemma in meinen Beziehungen benennen wollte, wäre es dieses. Es tritt nicht mit Fremden auf. Es tritt in den Beziehungen auf, die mir am meisten bedeuten.
Und zu verstehen, warum jemand die Struktur nicht sehen kann, löst gar nichts. Es macht die Sache manchmal schwerer. Wut wäre einfacher als das Wissen, dass niemand hier etwas falsch macht und die Lage trotzdem nicht auflösbar ist. Einsicht ist kein Ersatz für Gesehenwerden.
Dazu kommt etwas, das ich lange nicht benennen konnte. Solange eine Dynamik nicht verstanden ist, läuft sie im Autopilot. Sie ist dabei nicht chaotisch — vermutlich ist sie sogar hochgradig geordnet und wiederholt sich präzise. Nur liegen die Größen, die sie steuern, außerhalb dessen, was im gemeinsamen Feld sichtbar ist. Für mich ist sie damit nicht vorhersagbar. Und das ist der teuerste Ort überhaupt, weil es dieselbe Lage ergibt wie damals: Reaktionen, die sich nicht ableiten lassen.
Ich habe Kapazität dafür aufgebaut. Das ist nicht nichts — ich halte heute vieles, was mich früher umgeworfen hätte. Es hat nur Grenzen, und die verschieben sich nicht dadurch, dass ich sie kenne.
Und hier liegt mein Anteil. Ich bringe in solche Gespräche eine Dringlichkeit hinein, die aus dieser Not kommt und aus einer Sehnsucht: dass jemand die Ebene mit betritt und wir dann tatsächlich zusammen wären. Beides ist echt. Beides bindet sich aber an eine Bewegung des anderen — erst wenn du es verstehst, hört meine Not auf. Das ist ein Zugriff, auch wenn er aus Not kommt und nicht aus Macht. Und die Dringlichkeit selbst verändert das Feld: Sie erhöht den Druck in einem Gespräch, in dem der andere ohnehin schon nicht folgen kann, und macht wahrscheinlicher, dass er als Angriff liest, was ich sage.
Meine Not und meine Sehnsucht zu halten, ohne sie ihm zu übergeben, fällt mir wahnsinnig schwer. Niemand ist davor gefeit, das Eigene für die ganze Lage zu halten. Ich auch nicht.
Was bleibt, ist Trauer. Beziehungen sind schwierig, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass diese Beziehungen erst durch eine Vorstufe müssen, in der die Bedingungen von Beziehung erklärt werden. Und dass dieses Erklären selbst noch nicht Beziehung ist.
Was unsichtbar bleibt, steuert mit
Nichts von dem, was hier beschrieben ist, hört auf, wenn es unbenannt bleibt. Es bleibt nur unsichtbar. Und was unsichtbar wirkt, kann von niemandem befragt werden, auch nicht von dem, in dem es wirkt.
Nach innen ist das dieselbe Lage wie am Anfang. Solange Erleben, Wirkung, Körper, Geschichte und Selbstbild auseinanderfallen, ist etwas fortlaufend damit beschäftigt, diese Unstimmigkeit zu halten. Ein Teil der Kraft ist dann gebunden — an Abwehr, Umdeutung, Rechtfertigung, Kontrolle oder Nichtwissen. Und das, was nicht vorkommen darf, steuert von dort aus mit. Unberechenbar. Man kennt sich selbst nur so weit, wie man sich benennen darf; der Rest arbeitet weiter, ohne dass man ihn fragen könnte.
Zu etwas Unsichtbarem lässt sich keine Beziehung haben. Deshalb ist Verstehen keine Wohltat, sondern die Bedingung. Erst wo eine Dynamik benannt ist, entsteht überhaupt der Raum, sich zu ihr zu verhalten — sie muss dafür nicht erklärt sein, nicht gelöst und nicht gutgeheißen. Sie muss nur vorkommen dürfen. Vorher läuft sie ohne mich. Autopilot.
Es darf so unangenehm sein, wie es will, solange es real ist. Das galt damals, und es gilt heute. Ich brauche nicht, dass die Wirklichkeit anders ist. Ich brauche, dass sie als Wirklichkeit vorkommen darf.
Und in Beziehung gibt es sie nie im Singular. Wirklichkeit entsteht dort aus zwei eigenständigen Realitäten, die zur selben Zeit gelten — nicht abwechselnd, nicht nach Prüfung, nicht die eine, sobald die andere widerlegt ist. Verbundenheit beginnt, wo darüber Einverständnis besteht.