Ich werde nicht so tun, als würde ich es nicht sehen

Lesedauer 12 Minuten

Über Männerfreundschaft, Brüderlichkeit und die Frage, wer uns eigentlich erinnert.

Ich stelle mir seit einiger Zeit eine Frage, auf die ich keine fertige Antwort habe.

Es ist eher eine Forschungsfrage.

Es ist eine Frage, die ich aus Männerseminaren und Männergruppen mit in meinen Alltag nehme: Wo und von wem bekommen wir eigentlich klares, ungeschminktes Feedback?

Nicht die moralisch korrekte Rückmeldung. Nicht die richtige politische Meinung. Nicht die nächste therapeutische Deutung. Und auch nicht das freundliche Feedback, das so lange abgeschliffen wurde, bis am Ende niemand mehr davon berührt wird.

Ich meine eine einfache, klare, verkörperte Rückmeldung:

Bruder, das ist Bullshit.

Nicht als Beschämung. Nicht als Machtspiel. Sondern als eine Form maskuliner Aufrichtigkeit, die nicht gegen mich gerichtet ist, sondern eine fürsorgliche Qualität hat.

Eine Rückmeldung, die sagt:

Ich sehe dich gerade ausweichen. Ich sehe, dass du dich in deiner Geschichte versteckst. Ich sehe, dass du gerade nicht wirklich da bist. Und ich werde nicht so tun, als würde ich es nicht sehen.

Dieser letzte Satz ist der, um den es mir geht. Er ist der Grund, warum ich diesen Text schreibe. Und ich schreibe ihn nicht, weil ich weiß, wie das geht. Ich schreibe ihn, weil ich damit hadere. Wann darf ich ihn sagen. Wie wird er gehört. Gefährdet er gerade die Freundschaft.

Eine Erfahrung in Bali

Letztes Jahr war ich in Bali in einem Männertraining.

Eine der Übungen war sehr einfach.

Zwei Männer standen sich gegenüber. Sie schauten sich an. Sie waren miteinander in Kontakt. Und wenn einer der beiden merkte, dass der andere nicht mehr präsent war, dass er innerlich wegdriftete, dass sein Körper noch stand und der Rest woanders war, dann gab er ihm einen leichten, aber deutlichen Klopfer auf die Schulter.

Kein Schlag. Keine Gewalt. Kein Testosteron-Theater. Kein ich bin stärker als du.

Ein Signal.

Ich merke, dass du weg bist. Komm zurück. Ich brauche dich hier.

Diese Übung war nicht der Anfang des Trainings. Sie wurde nicht in einen beliebigen Raum geworfen. Sie war eingebettet in einen Geist von Brüderlichkeit, gegenseitiger Achtung und ausgesprochenem Commitment.

Der unausgesprochene Satz darunter war nicht ich darf dich korrigieren.

Er war:

Ich stehe an deiner Seite. Ich will, dass du da bist. Ich brauche dich in deiner Präsenz. Und ich bin bereit, dir zu zeigen, wenn du dich verlierst.

Das hat mich tief beschäftigt. Weil darin etwas lag, das ich in meinem normalen Leben selten erlebe. Eine Rückmeldung, die gleichzeitig körperlich, klar, direkt und zugewandt war.

Nicht analytisch. Nicht psychologisch. Nicht vorsichtig weichgespült. Und trotzdem nicht brutal.

Ein Korrektiv.

Warum Korrektiv und nicht Korrektur

Ich benutze dieses Wort mit Absicht.

Korrektur klingt nach Schule. Nach Fehler. Nach einem, der es besser weiß, und einem, der belehrt wird. Ein Korrektiv steht nicht über mir. Es steht neben mir, im selben Feld, mit demselben Interesse daran, dass wir beide ankommen.

Ich meine damit nicht Kontrolle. Ich meine nicht, dass Männer einander überwachen oder erziehen sollen. Ich meine auch nicht, dass es wieder irgendeine männliche Hierarchie braucht, in der einer oben steht.

Ich meine die Frage:

Wer hilft einem Mann, sich nicht in seinen eigenen Geschichten zu verlieren?

Wer sagt ihm, wenn er sich hinter Konzepten, Coolness, Spiritualität, Arbeit, Witz, Rückzug oder Zynismus versteckt? Wer sagt:

Ich glaube dir gerade nicht ganz.

Oder: Das klingt nach einer guten Erklärung, aber nicht nach deiner Wahrheit.

Oder: Du redest gerade über dich, aber ich spüre dich nicht.

Oder: Du tust gerade so, als wärst du frei, aber für mich klingt das nach Angst.

Das sind keine einfachen Sätze. Und sie sind gefährlich, wenn sie aus dem falschen Raum kommen. Aus Überlegenheit werden sie toxisch. Aus Beschämung werden sie verletzend. Aus Dominanz werden sie Gewalt. Aus Unbewusstheit werden sie Manipulation.

Aber aus Liebe können sie Medizin sein.

Und es ist wichtig, worauf so ein Satz eigentlich zeigt. Nicht auf ein Verhalten, das mir nicht gefällt. Nicht auf eine Erwartung, die du nicht erfüllst. Wenn ein Freund mir sagt, das sei Bullshit, zeigt er auf etwas anderes: dass ich gerade verrate, wofür ich stehen will. Er kennt diese Sehnsucht, weil er mich kennt. Ich kenne deine Sehnsucht nach Integrität. Und die verrätst du gerade.

Das ist der Satz hinter dem Satz.

Die unausgesprochene Grenze

Ich mache dazu eine Beobachtung — an mir selbst, und an dem, wie andere Männer miteinander sind und mir gegenüber sind: In jeder Freundschaft gibt es eine unausgesprochene No-go-Area. Ihre Grenze lässt sich gut erkennen — genau dort, wo wir anfangen, wie auf Eierschalen zu laufen.

Der Aufenthalt in dieser Zone macht mich müde. Er erschöpft mich.

Hier sitzen Trauer, Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Und Einsamkeit.

Wenn ich mit jemandem zusammensitze und aufpasse, wo ich hintrete, dann bin ich nicht nah. Dann bin ich vorsichtig. Das ist etwas anderes.

Was sich in vielen Männerfreundschaften wie Nähe anfühlt, ist Vertrautheit. Wir kennen uns lange. Wir wissen, wo der andere wohnt, was er trinkt, welche Geschichten er schon dreimal erzählt hat. Vertrautheit ist echt, und ich will sie nicht kleinreden. Ich habe Freundschaften, die seit Jahrzehnten halten, und sie tragen mich.

Aber Vertrautheit erträgt Wiederholung. Nähe erträgt Wahrheit.

Und daran, ob ich etwas sagen kann, ohne dass die Freundschaft dadurch zur Disposition steht, merke ich, woran ich bin. Wo ich diese No-go-Zone berühre, ist die Verbindung dünner, als wir beide zugeben wollen. Es gibt einen unausgesprochenen Kodex zwischen uns. Mehr geht nicht. Diese Zone berühren wir nicht.

Das ist ein unangenehmer Gedanke. Er mag vielleicht erklären, warum so viele Männer sagen, sie hätten gute Freunde, und gleichzeitig einsam sind. Das ist kein Widerspruch und keine Selbsttäuschung. Sie haben Vertrautheit. Und sie vermissen etwas, wofür sie kein Wort haben.

Was wir nie gelernt haben

Ich bin über fünfzig. Ich habe in Seminaren, Sessions, Männergruppen und Freundschaften mit sehr vielen Männern über ihre Väter gesprochen.

Ich erinnere mich an keinen einzigen, der gesagt hätte: Mein Vater war emotional anwesend.

Nicht einen.

Die Geschichten gehen anders. Abwesend. Nicht verfügbar. Manchmal verfügbar, wenn es passte. Streng. Freundlich und trotzdem nicht da. Anwesend im Haus und abwesend im Raum.

Oder wie in meinem Fall: Mein Vater hat sich vor meiner Geburt aus dem Staub gemacht und eine Lücke ohne Antwort hinterlassen. Das macht, unter anderem, diesen Text notwendig.

Es geht nicht um Anklage. Diese Väter waren selbst nie gesehen worden. Was einem nie vorgemacht wurde, kann man schwer weitergeben, und ich glaube nicht, dass die meisten von ihnen etwas verweigert haben. Ihnen fehlte, was ihnen fehlte.

Aber es hat eine Folge, die bis heute reicht.

Wenn zwei Männer heute versuchen, einander zu erinnern, dann tun sie etwas, wofür es in ihrer eigenen Geschichte kein Modell gibt. Sie improvisieren. Und deshalb geht es oft schief. Es wird zu hart oder zu vorsichtig, es kippt in Beschämung oder in Nettigkeit, es kommt als Belehrung an oder gar nicht.

Ich kenne viele Männer, die sich genau das wünschen und im Ernstfall nicht können. Der Wunsch ist echt. Und der Körper, der diesen Wunsch trägt, kennt bei den meisten von uns den Raum nicht, in dem Gesehenwerden ungefährlich wäre. Die wenigsten haben ihn je betreten.

Eine komplexe Dynamik

Ich wechsle hier einmal die Ebene. Was jetzt kommt, ist so komplex, dass ich es von Mann zu Mann allein nicht beschreiben kann. Ich nehme mich dabei nicht heraus — ich kenne diese Dynamik nur zu gut, auch von innen. Aber ich wechsle für einen Moment in den Therapeuten und Systemiker.

Die Grenze dieser No-go-Area zu übertreten bringt in der Regel folgende Schamdynamik ins Rollen.

Und vorweg: Um Hilfe zu bitten gehört zum Schwersten, was Menschen tun können — Männer wie Frauen. Es ist keine Kleinigkeit, die man sich mal eben abringt. Bei Männern kommt dazu, dass wir gegen einen der zähesten Mythen antreten, die es gibt: Ich komm schon klar.

Nach Männlichkeit befragt, sagen amerikanische Männer klipp und klar, was in ihnen die größte Scham auslöst. Es ist dieser Satz: Don’t be a pussy.

Wenn ein Mann von einem anderen Mann eine klare und ehrliche Rückmeldung bekommt, die im Kern stimmt, dann liegt darin oft mehr als die Wahrheit über sein Ausweichen. Es liegt darin auch, dass er die Lösung nicht kennt. Zuzugeben, dass ich mich belüge, ist das eine. Zuzugeben, dass ich nicht weiß, wie es anders geht, ist das andere. Beides zusammen trägt enorm viel Scham.

Also springt das an, was am besten eingeübt ist. Abwehr. Oft aggressiv. Manchmal mit sehr viel Wut.

Wut kennt in der Regel nur Beschämung und Ablehnung. Die meisten von uns kennen nur die Rückmeldung aus femininen Feldern — und der Mann, der einfach präsent bleibt, wenn ein anderer wütend wird, war nicht da. Diese Erfahrung fehlt uns. Wut trägt ein hohes Risiko von Bindungsverlust.

Zugeben aktiviert Scham. Abwehren aktiviert die Angst vor Ausschluss.

Und darunter liegt noch etwas, das ich lange nicht sehen konnte. Diese Zugehörigkeit zu Männern — ich habe sie gar nicht verinnerlicht. Ich kann sie in mir selbst kaum wahrnehmen. Der Raum, in dem sie sich hätte bilden können, war nicht da.

Gerade weil diese Wunde so groß ist, wünsche ich mir umso mehr den Respekt und die Anerkennung eines anderen Mannes.

Das heißt: Wenn ich einem Mann etwas Wahres sage, riskiere ich nicht nur diese eine Freundschaft. Ich riskiere die Anerkennung, die ich überhaupt erst suche. Eine Anerkennung, die diffus ist. Von der ich noch nicht genug habe — und von der ich oft nicht einmal weiß, dass ich noch nicht genug davon habe.

Vielleicht ist das der Grund, warum es diese No-go-Area überhaupt gibt.

Wir spüren instinktiv, was dahinter liegt. Und wir betreten diesen Raum kollektiv nicht, weil dort eine Menge Fragen warten, auf die wir verdammt noch mal keine Antworten haben. Nicht, solange wir uns nicht zusammensetzen. Nicht, solange wir nicht darüber sprechen.

Was hier wirkt, ist keine einzelne Scham. Es ist ein Geflecht. Die Selbstlüge. Das Nichtwissen. Der Mut, um Hilfe zu fragen. Und die Exposition von Trauer und Wut, die dabei möglicherweise hochkommt. All diese Dinge wurden und werden in unserer Gesellschaft und in der Art, wie wir erzogen werden, beschämt.

So viel zu dem Exkurs.

Ein einfacher Satz wie Bruder, das ist Bullshit macht ein komplettes Universum auf. Und ich fühle mich darin oft auf beiden Seiten gefangen. Als der, der es sagen will und nicht weiß, was er damit auslöst. Und als der, dem es gesagt wird.

Warum es von Männern kommen muss

Wenn eine Frau einem Mann eine Rückmeldung gibt, dass er nicht präsent ist und ausweicht, ist das häufig wahr und sehr wertvoll. Es hat aber in sich eine andere Qualität. Der Raum, aus dem gesprochen wird, ist ein anderer.

Eine Frau spricht aus der femininen Position an die maskuline. Auch wenn sie sehr präzise sieht, kommt ihre Rückmeldung als etwas an, das zwischen uns steht: Ich vermisse dich. Du bist nicht da. Ich komme nicht an dich ran. Der Maßstab ist unsere Beziehung.

Wenn ein Mann es sagt, fällt diese Ebene weg. Die Selbstlüge, die du mir hier gerade auftischen willst, kaufe ich dir nicht ab. Da steht nichts zwischen uns. Der Maßstab bin ich selbst, gemessen an dem, was ich über mich behaupte.

Und das kommt anders an. Wenn die Rückmeldung aus der Beziehung kommt, springt bei den meisten von uns sofort etwas an: erklären, beschwichtigen, es besser machen. Nicht aus Unehrlichkeit. Weil der Körper hört, dass Beziehung auf dem Spiel steht, und entsprechend antwortet. Wenn der Mann daneben es sagt, steht das nicht auf dem Spiel. Da kostet es nichts außer der Ausrede.

Irgendwann habe ich den Satz gehört, dass Männer ihre Bestätigung von Männern brauchen. Ich kann das nicht belegen, und ich weiß nicht, ob es allgemein stimmt. Aber als ich ihn hörte, machte er sofort Sinn — und nach vielen Jahren Männerarbeit würde ich ihn nicht zurücknehmen.

Bestätigung heißt hier nicht Lob. Es heißt: die Antwort auf die Frage, ob ich als Mann unter Männern gelte. Und wer sie nur von dort bekommen kann, kann auch die Erinnerung nur von dort annehmen, ohne dass sie zur Bedrohung wird. Wenn ein Mann mir sagt, dass ich ausweiche, wird meine Zugehörigkeit nicht in Frage gestellt. Sie wird bestätigt, indem er es überhaupt sagt. Er behandelt mich als einen, der dazugehört und deshalb ansprechbar ist.

Das heißt nicht, dass es dadurch leichter wird. Es ist meistens härter. Aber es ist tragbar.

Tragbar allerdings nur, wenn wir uns als Brüder verstehen. Als Gemeinschaft. Wenn mit der Rückmeldung gleichzeitig die Bereitschaft mitkommt: Du darfst dich bei mir anlehnen.

Eine so aus dem Männerherz zu mir getragene Klarheit trifft den Kern meiner tiefen Sehnsucht nach maskuliner Präsenz.

Sie hat eine brachiale Intensität. Jedes Mal, wenn sie mich wirklich unmittelbar trifft, droht sie mich zu überwältigen. Es ist Glück und gleichzeitig eine Trauer, die mir das Herz zerreißt — weil ich in diesem Moment erkenne, wie groß die Lücke wirklich ist.

Die Männer neben mir

Es gab in diesem Training in Bali einen Moment, in dem ein Wort für mich einen Anker bekommen hat, den es vorher nicht hatte: Brüderlichkeit.

Wir standen nebeneinander. Nicht gegenüber, wie bei der Übung mit dem Klopfer. Nebeneinander. Und es wurde ausgesprochen, was eigentlich selbstverständlich ist und trotzdem selten im Körper ankommt: dass keiner von uns hier stünde, wenn nicht irgendwo in seiner Linie Männer gewesen wären, die kämpfen mussten. Männer, die nebeneinander standen, mit Angst und mit Waffen, und deren Überleben davon abhing, wie wach der Mann daneben war.

Es geht mir nicht um Kriegsromantik.

Aber sich einmal dorthin zurückzuversetzen verändert etwas. Sich mit einem der eigenen Ahnen zu verbinden, der an einer Frontlinie stehen muss, ob er will oder nicht. Der nicht fragt, ob dieser Krieg gerechtfertigt ist oder sinnvoll. Der einfach wieder nach Hause möchte und weiß, dass sein Leben davon abhängt, wie wach der Mann neben ihm ist.

Am Vorabend eines Kampfes übt man aus einer anderen Haltung heraus.

Wenn der Mann neben mir präsent ist, steigt meine Chance zu überleben. Wenn ich präsent bin, steigt seine. Und ich stehe nicht nur neben einem — ich stehe zwischen zweien. Wenn ich wach bin, verändert das die Lage für drei Männer.

In diesem Moment begann Brüderlichkeit für mich einen echten Wert zu bekommen. Einen Wert, den ich im Herzen tragen kann. Ich bin verantwortlich für den Mann links und den Mann rechts. Weder zum Selbstzweck noch aus Güte, sondern aus Verantwortung.

Brüderlichkeit beginnt dort, wo deine Entwicklung nicht mehr nur deine Privatsache ist.

Und das gilt weiter, auch wenn wir heute nicht mehr mit Waffen nebeneinander stehen. Der Kampf ist subtiler geworden, und viele Männer führen ihn allein gegen sich selbst — gegen Scham, gegen Angst, gegen Leistungsdruck, gegen das Gefühl, nicht zu genügen, gegen die eigene Sehnsucht.

Die Statistiken zu den Todesursachen bei Männern sprechen da eine eindeutige Sprache. Entweder bricht irgendwann das Herz unter dieser Last zusammen. Oder die Psyche.

Für mich ergibt sich daraus eine klare Konsequenz. Meine Präsenz ist nicht mehr meine Privatsache.

Commitment und Zeugen

Niemand kann sich einfach zum Korrektiv eines anderen ernennen. In das Leben eines anderen hineinzuspazieren und zu sagen ich bin jetzt dein Korrektiv wäre anmaßend, und ich habe genug Männer erlebt, die Übergriff mit Klarheit verwechselt haben.

Was den Unterschied macht, habe ich in Bali in einer zweiten Übung verstanden.

Wir stellten uns vor die Gruppe und sprachen unser Commitment aus. Nicht als schöne Absicht. Nicht als Slogan. Sondern als etwas, woran die anderen Männer uns erinnern dürfen.

Ein Commitment, das nur ich über mich sage, bleibt eine Behauptung. Erst wenn es bezeugt wird, bekommt es Gewicht. Und die Zeugen bekommen damit ein Recht. Nicht weil sie über mir stehen, sondern weil ich sie in mein Feld eingeladen habe.

Meines war damals: Ich definiere meine Realität selbst. Ich werde niemandem auf diesem Planeten das Recht einräumen, das für mich zu tun.

Ein anderes, das ich vor kurzem in meiner Männergruppe erneuert habe: Ich werde meine Wahrheit aussprechen, auch wenn ich Angst vor Zurückweisung habe. Auch wenn ich fürchte, missverstanden zu werden. Auch wenn ich Angst habe, dadurch aus der Gruppe zu fallen.

Das ist leicht gesagt. In dem Moment, in dem es ernst wird, ist es nicht leicht. Wenn mein Nervensystem Angst bekommt. Wenn alte Bindungserfahrungen anspringen. Wenn ich spüre, dass Wahrheit Beziehung kosten könnte.

Dann brauche ich nicht mein eigenes Ideal. Dann brauche ich Männer, die sich daran erinnern, was ich gesagt habe.

Madhava, du wolltest deine Wahrheit sprechen. Ich glaube, da ist noch etwas, das du zurückhältst.

Und das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob so ein Satz trägt.

Er bringt nichts Eigenes mit. Er sagt nicht, wie ich leben soll. Er hat nur das, was ich ihm selbst anvertraut habe — meine Sorgen, meine Ängste, das Bild von dem Mann, der ich sein wollte, als ich es ausgesprochen habe. Der Maßstab bin ich selbst, gemessen an dem, was ich über mich behaupte.

Und das Heikle ist nicht die offensichtliche Ausrede. Das Heikle ist die gut gebaute. Man kann sich das Ausweichen so zurechtlegen, dass es stimmig klingt. Reif. Abgewogen. So, als wäre es sogar Ausdruck genau der Werte, von denen man gesprochen hat.

Es ist es dann trotzdem nicht.

Und genau da braucht es jemanden, der sagt: Alter, das ist nicht, wie du leben wolltest. Das ist nicht meine Meinung. Das ist das, was ich dich über dich habe sagen hören.

Was danach kommt, ist selten Abwehr. Öfter ist es etwas Schwereres: Ich weiß es vielleicht selbst. Ich belüge mich. Aber ich weiß nicht, wie ich es anders machen soll.

Das ist eine doppelte Scham. Erst die Selbstlüge zuzugeben. Und dann zuzugeben, dass man nicht weiß, wie es geht.

Und der mutigste Satz an dieser Stelle ist nicht die Konfrontation. Es ist die Antwort darauf:

Hilf mir, Bruder.

Zuzugeben, dass ich etwas nicht kann, ist für die meisten Männer, die ich kenne, schwerer als jede Konfrontation auszuhalten.

Das ist der Unterschied zwischen Rückmeldung und Übergriff. Nicht der Ton, nicht die Formulierung, nicht die gute Absicht. Sondern ob ich denjenigen eingeladen habe. Und ob der Raum, aus dem er spricht, meine Zugehörigkeit unangetastet lässt.

Und selbst dann reicht die gute Absicht nicht. Auch eine liebevoll gemeinte Konfrontation kann verletzen. Auch ein klarer Satz kann zu viel sein. Auch ein Bruder kann sich irren. Deshalb braucht es neben dem Mut zur Klarheit die Fähigkeit zum Repair. Die Fähigkeit zu sagen: Ich wollte dich erreichen, und ich sehe, dass ich dich verletzt habe. Oder: Ich glaube immer noch, dass ich etwas gesehen habe. Ich will trotzdem nicht über deiner Wahrnehmung stehen.

Wir brauchen mehr männliche Bezeugung

Ich möchte für eine Kultur eintreten, in der wir uns immer wieder daran erinnern, wie wichtig Bezeugung ist.

Kritik bekommen wir nämlich genug. Von Partnerinnen. Von Chefs. Von Vätern. Von gesellschaftlichen Erwartungen. Und selbstverständlich von unseren inneren Anteilen, die häufig gnadenloser sind als alles, was uns im Außen begegnet.

Kritik sagt, dass ich etwas falsch mache. Bezeugung sagt, dass jemand mich sieht — und auch sieht, wo ich mich gerade verlasse. Das eine engt ein. Das andere gibt Orientierung.

Wir sind noch nicht genug Männer, die stark genug sind, einen anderen zu sehen, ohne ihn zu beschämen. Die nicht zurückschrecken, wenn es unbequem wird. Die nicht sofort deuten oder bewerten. Die dableiben, wenn Wahrheit den Raum verändert, und sagen können:

Ich bin hier. Ich bleibe hier. Und ich werde dir nicht dabei helfen, dich selbst zu verlassen.

Wer darf dir auf die Schulter klopfen

Ich habe so einen Raum. Meine Männergruppe in Basel.

Ich bin so dankbar dafür. Es ist ein großes Geschenk.

Diese Männer sind da. Sie halten das aus. Sie sagen mir Dinge, die ich nicht hören will, und sie sagen sie so, dass ich dabei nicht kleiner werde. Und sie haben die Bereitschaft, meiner inneren Wahrheit offen zu begegnen.

Das ist keine Kleinigkeit. Denn ich habe eine Fähigkeit, die ich mir nicht ausgesucht habe und die auch für mich anstrengend ist: Ich erkenne energetische Unstimmigkeiten im Feld oft früher als andere, und ich kann sie klar benennen. Das ist keine Begabung. Das ist eine Überlebensstrategie. Wer früh lernen musste, das Feld zu lesen, kann es irgendwann besonders gut — und wird es nicht mehr los. Fluch und Ressource zugleich. Und in meinem Umfeld wird es oft als Zumutung empfunden. Wie ich diese Beobachtung mitteile — oder ob ich sie halte — liegt in meiner Verantwortung.

Hier möchte ich den Kreis schließen, der mit diesem Satz anfing:

Ich werde nicht so tun, als würde ich es nicht sehen.

Meine oben erwähnten Commitments verlangen von mir, ihn mit Leben zu erfüllen. Dieser Text ist für mich eine Brücke, um mit der Angst, die er in mir auslöst, im Kontakt zu sein. Um meine Not und meine Sehnsucht zu halten.

Es sind unzählige Tränen auf die Tastatur getropft, während ich ihn schrieb.

Aber wie geht das? Wie lernen wir, es zuzulassen?

In einer Männergruppe ist es leichter. Sie ist ein Übungsfeld, alle sind mit dem Einverständnis hineingegangen, und manchmal ist auch mehr Distanz da, weil es nicht unsere engsten Freunde sind. Eins zu eins gibt es keinen Rahmen. Da gibt es nur uns beide und das, was wir nie vereinbart haben.

Vielleicht liegt genau darin der Ausweg. Ein klares Commitment. Eine klare Einladung.

Wer darf dir auf die Schulter klopfen?

Unsere Väter konnten es nicht. Wir sind die ersten, die es probieren müssen, ohne es je gesehen zu haben.

Ich weiß nicht ganz genau, wie das geht. Aber ich weiß, dass ich es nicht allein herausfinden werde.

Wer, wenn nicht wir.

 

Mein Freund, ich liebe dich – über Sprache, Kultur und Mut

Die 3 Säulen von Freundschaft – Resonanz, Vertrauen und Integrität

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Micha Madhava -

traumasensibler Philosoph, Prozessbegleiter und Begründer der NEURO-Buddy-Methode. Er arbeitet an einem Strukturmodell der Entstehung innerer Realität an der Schnittstelle von Bindung, Nervensystem, Kultur und Technologie.

Seine Texte verbinden Nervensystemwissen, Beziehungserfahrung und philosophische Reflexion. Im Zentrum steht die Frage, wie innere Wirklichkeit entsteht — und was dadurch über Partnerschaft, Intimität, Selbstbeziehung, emotionale Muster und die Dynamiken unserer Kultur sichtbar wird.

Als Coach für NI neurosystemische Integration® und Teacher of the Learning Love Institute begleitet er Menschen dabei, ihre eigene Erlebnislogik, ihre Bindungsmuster und die Sprache ihres Nervensystems tiefer zu verstehen.

Liebe ist das Design.
Das Nervensystem ist die Sprache.
Resonanz die Orientierung.

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